Ein Fleisch, ein Herz und eine Seele. Sexualität und Spiritualität - Mann und Frau im göttlichen Spiel
von Iris Rohmann
… und sie werden ein Fleisch … aber sie schämten sich nicht voreinander.
AT, Genesis, 2,24-25
Am Anfang war Stille. Und Gott atmete über das Wasser. Das Chaos der Urmaterie begann zu brausen und sich umeinander zu drehen. Der Schöpfer trennte den Himmel von der Erde und zeugte alle Wesen. Du und ich, da waren wir noch Menschentiere. Da war unsere sexuelle Kraft noch Lebenskraft. Lebenskraft stößt den Baum aus der Wurzel hervor. Sexuelle Kraft treibt die Blüte aus dem Zweig. Ist sie reif, öffnet sie sich und läßt sich befruchten zu neuer Schöpfung. Wir sind der Keim. Wir blühen in die unbekannte Natur unserer selbst. Gott und Göttin. Am Anfang. Innen.
Unschuldig stand einst die sexuelle Kraft aufrecht an der Seite des Lebens. Offen und rein war ihr Impuls. Wild und nicht zu beherrschen war sie. Wozu auch? Es gab weder Moral noch Liebesbeziehungen, nur ein Drängen nach vorn, immer weiter. Unser Dasein wurde von der Natur beherrscht, und der Not, darin zu überleben. Unsere Götter waren der Sturm, der Blitz, die Bewegungen des Leibes der Erde und die gewaltigen Wasser. Gott sprach in unserem Leib: Seid fruchtbar und mehret euch – wir schämten uns nicht, zueinander zu blühen, als Mann und Frau geschaffen, und der Baum des Lebens blühte mitten in uns.
Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?
AT, Genesis 3,11
Was ist geschehen mit Mann und Frau? Wie konnte die sexuelle Kraft getrennt werden vom inneren Weg? Die Mythen der Welt erzählen: Zur Dämmerung der Religionen war Gott eine Frau, die Große Mutter. In den Händen der Frauen lag das Wissen um die Fruchtbarkeit, um Heilung, um Leben und Tod. Die Frau war eins mit der Schöpfung, wenn neues Leben sich regte in ihrem Schoß, und wenn sie weinend die Toten begrub. Sie wurde verehrt als Erde, als Zyklus der Jahreszeiten, sie war die Rundungen des Mondes und die Wellen des Blutes. In Zentral-Europa trieb nach harten Wintern das steigende Licht die Säfte wieder in die Stämme, die Knospen öffneten sich wie Wunder, ein Sturm der Vereinigung erhob das Land, und wer überlebt hatte, feierte die Rückkehr des Sonnengottes. Im Fest der Großen Hochzeit, an Beltane , wurden junge Paare gesegnet, und auch das Vieh. In jener Nacht, in der die Grenzen zwischen Dies- und Anderswelt durchlässig sind, erinnerten Männer und Frauen sich an den Ursprung der Welt, und daran, daß wir Gott und Göttin sind . Dann lösten sich die Bande menschlicher Verbindungen. Die Kraft brach auf in uns, und wir begegneten einander in der Dunkelheit, feierlich und rein. Als Sohn-Geliebter vergingst Du im Schoß der jungfräulichen Göttin. Als gehörnter Gott öffnetest Du Ihr Frausein mit Deinem glühenden Speer, mit Deinem Funken ging sie schwanger. Spirituelle Vertiefungen und große Rituale der Fruchtbarkeit gab und gibt es noch immer in der Kultur des Menschen. Oft im Geheimen wird die Liebeskraft im Innersten der Tempel Indiens oder Tibets gelehrt, in Naturheiligtümern dargebracht und gefeiert, als Rausch des Begehrens, der eine Tür aufstößt in die Ewigkeit. Doch: Sexualität bleibt nicht. Ekstase vergeht. Der Rausch ernüchtert sich wieder. Was geboren wird, muß sterben. Hat Dir das Angst gemacht, Adam? Waren die Kräfte der Erde zu stark, die Lust der Göttin zu überwältigend? Oder wolltest Du mehr sein, als Gott auf einen Tag? Selbst herrschen über Leben und Tod?
(...)
Der ganze Text in: aJ, Vol. 15
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… und sie werden ein Fleisch … aber sie schämten sich nicht voreinander.
AT, Genesis, 2,24-25
Am Anfang war Stille. Und Gott atmete über das Wasser. Das Chaos der Urmaterie begann zu brausen und sich umeinander zu drehen. Der Schöpfer trennte den Himmel von der Erde und zeugte alle Wesen. Du und ich, da waren wir noch Menschentiere. Da war unsere sexuelle Kraft noch Lebenskraft. Lebenskraft stößt den Baum aus der Wurzel hervor. Sexuelle Kraft treibt die Blüte aus dem Zweig. Ist sie reif, öffnet sie sich und läßt sich befruchten zu neuer Schöpfung. Wir sind der Keim. Wir blühen in die unbekannte Natur unserer selbst. Gott und Göttin. Am Anfang. Innen.
Unschuldig stand einst die sexuelle Kraft aufrecht an der Seite des Lebens. Offen und rein war ihr Impuls. Wild und nicht zu beherrschen war sie. Wozu auch? Es gab weder Moral noch Liebesbeziehungen, nur ein Drängen nach vorn, immer weiter. Unser Dasein wurde von der Natur beherrscht, und der Not, darin zu überleben. Unsere Götter waren der Sturm, der Blitz, die Bewegungen des Leibes der Erde und die gewaltigen Wasser. Gott sprach in unserem Leib: Seid fruchtbar und mehret euch – wir schämten uns nicht, zueinander zu blühen, als Mann und Frau geschaffen, und der Baum des Lebens blühte mitten in uns.
Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?
AT, Genesis 3,11
Was ist geschehen mit Mann und Frau? Wie konnte die sexuelle Kraft getrennt werden vom inneren Weg? Die Mythen der Welt erzählen: Zur Dämmerung der Religionen war Gott eine Frau, die Große Mutter. In den Händen der Frauen lag das Wissen um die Fruchtbarkeit, um Heilung, um Leben und Tod. Die Frau war eins mit der Schöpfung, wenn neues Leben sich regte in ihrem Schoß, und wenn sie weinend die Toten begrub. Sie wurde verehrt als Erde, als Zyklus der Jahreszeiten, sie war die Rundungen des Mondes und die Wellen des Blutes. In Zentral-Europa trieb nach harten Wintern das steigende Licht die Säfte wieder in die Stämme, die Knospen öffneten sich wie Wunder, ein Sturm der Vereinigung erhob das Land, und wer überlebt hatte, feierte die Rückkehr des Sonnengottes. Im Fest der Großen Hochzeit, an Beltane , wurden junge Paare gesegnet, und auch das Vieh. In jener Nacht, in der die Grenzen zwischen Dies- und Anderswelt durchlässig sind, erinnerten Männer und Frauen sich an den Ursprung der Welt, und daran, daß wir Gott und Göttin sind . Dann lösten sich die Bande menschlicher Verbindungen. Die Kraft brach auf in uns, und wir begegneten einander in der Dunkelheit, feierlich und rein. Als Sohn-Geliebter vergingst Du im Schoß der jungfräulichen Göttin. Als gehörnter Gott öffnetest Du Ihr Frausein mit Deinem glühenden Speer, mit Deinem Funken ging sie schwanger. Spirituelle Vertiefungen und große Rituale der Fruchtbarkeit gab und gibt es noch immer in der Kultur des Menschen. Oft im Geheimen wird die Liebeskraft im Innersten der Tempel Indiens oder Tibets gelehrt, in Naturheiligtümern dargebracht und gefeiert, als Rausch des Begehrens, der eine Tür aufstößt in die Ewigkeit. Doch: Sexualität bleibt nicht. Ekstase vergeht. Der Rausch ernüchtert sich wieder. Was geboren wird, muß sterben. Hat Dir das Angst gemacht, Adam? Waren die Kräfte der Erde zu stark, die Lust der Göttin zu überwältigend? Oder wolltest Du mehr sein, als Gott auf einen Tag? Selbst herrschen über Leben und Tod?
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Der ganze Text in: aJ, Vol. 15
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