Tao Te King - Auszüge zum Thema: männliche Seele, weibliche Seele


Auf der Suche nach archetypischen Ausdrucksformen von Lebensenergie in männlicher und weiblicher Charakteristik liegt es nahe, sich an sehr alte Überlieferungen zu halten. Dauer ist zwar keineswegs ein Garant für Wahrheit, aber Uraltes spiegelt zumindest tief die Sehweise des menschlichen Geistes – unabhängig von den Moden des jeweiligen Zeitgeistes. Was sich über Jahrtausende erhielt, mehr als hundert Generationen und verschiedene Herrschaftsformen überdauerte, und was uns Heutige in der Tiefe anrührt – vielleicht ist es Weisheit, Wissen im großen Geist. Es mag ein untrügliches Zeichen geben für die Berührung mit Wahrheit: einen zumindest winzigen Moment wird der denkende Geist demütig still und der offen-wache Mensch bezeugt eine Berührung in seiner Mitte. Hier ist eine Einladung zur Probe aufs Exempel.

Das Tao-Tê-King, wörtlich Das Heilige Buch vom Weg und von der Tugend, ist erst im 6. Jahrhundert n. Chr. als schriftliche Quelle in China nachweisbar. Sein „Autor“ ist keine faßbare historische Gestalt – Lao-tse bedeutet Der Greise Meister. Dies weist darauf hin, daß hier ein Mensch viel ältere tradierte Weisheit zusammentrug, was etwa 300 v. Chr. geschehen ist.

Bei der hier dargebotenen Auswahl habe ich mich davon leiten lassen, wo die männliche und die weibliche Seele explizit oder doch immanent erscheinen. Die Zahlen ermöglichen das Auffinden der Zitate im Gesamtwerk; auf sperrige Zitatangaben wurde verzichtet, um den Lesefluß nicht zu behindern; die Quellenangabe erfolgt am Schluß.

Rüdiger Porep



1 Könnten wir weisen den Weg,
es wäre kein ewiger Weg.
Könnten wir nennen den Namen,
es wäre kein ewiger Name.

2 Was ohne Namen,
ist Anfang von Himmel und Erde;
was Namen hat,
ist Mutter den zehntausend Wesen.

3 Wahrlich:
Wer ewig ohne Begehren,
wird das Geheimste schaun;
wer ewig hat Begehren,
erblickt nur seinen Saum.

4 Diese beiden sind eins und gleich.
Hervorgetreten, sind ihre Namen verschieden.
Ihre Vereinigung nennen wir mystisch.
Mystisch und abermals mystisch:
Die Pforte zu jedwedem Geheimnis.

7 Deshalb der Heilige Mensch:
Er verweilt beim Geschäft des Ohne-Tun,
er lebt die Lehre des Nicht-Redens.
Die zehntausend Wesen werden geschaffen von ihm,
doch er entzieht sich ihnen nicht.
Er zeugt, aber er besitzt nicht;
Er tut, aber er baut nicht darauf.
Ist das Werk vollendet, verweilt er nicht dabei.

16 Unsterblich ist die Fee des Tals:
So heißt es von der Mystischen Weibheit.
Der Mystischen Weibheit Pforte:
So heißt man die Wurzel von Himmel und Erde.
Endlos wallend, gleichsam gegenwärtig,
also wirkt sie sonder Beschwerde.

49 Der tiefsten Tugend Gebaren,
es folgt allein dem Wege.
Der Weg als ein Wesen
Ist ein Brauen, ein Glosen.
O Glosen, o Brauen!
Darin sind die Bilder.
O Brauen, o Glosen!
Darin sind die Wesen.
O Dunkel, versunken!
Darin sind die Samen.
Die Samen sind Wahrheit;
Darin ist die Treulichkeit.
Von alters bis heute
Ward sein Name nicht aufgehoben,
um damit den Vater von allen Dingen zu deuten.
Und woher kenn’ Ich das Walten
Des Vaters von allen Dingen?
Durch dieses.

64 Erkennt eure Mannheit,
bewahrt eure Weibheit!
So seid ihr dem Erdreich ein Quell.
Wer dem Erdreich ein Quell:
Ewige Tugend verläßt ihn nicht,
heim kehrt er wieder zur Kindheit.

83 Dies wird Subtile Erleuchtung genannt:
Das Weiche, das Schwache besiegt
Des Harten und Starken Widerstand.

89 Deshalb der große, gereifte Mann:
Hält sich an das Völlige
Und verweilt nicht beim Kümmerlichen;
Hält sich an den Kern
Und verweilt nicht bei der Blüte.
Wahrlich:
Von jenem laß! Dieses erfaß!

98 Der Weg schuf die Einheit.
Einheit schuf Zweiheit.
Zweiheit schuf Dreiheit.
Dreiheit schuf die zehntausend Wesen.
Die zehntausend Wesen
Tragen das dunkle Yin auf dem Rücken,
das lichte Yang in den Armen.
Der Atem des Leeren macht ihren Einklang.

119 Das Erdreich hat einen Anbeginn:
Er sei des Erdreichs Mutter genannt.
Wer einmal seine Mutter fand,
hat sich als ihren Sohn erkannt.
Wer einmal sich als Sohn erkannt,
wird treuer noch die Mutter wahren;
sinkt hin sein Leib, ist er ohne Gefahren.

142 Ein großes Land soll sein wie Stromes Tiefebene,
soll sein des Erdreichs Sammelbecken,
des Erdreichs Weiblichkeit.
Ewig überwindet das Weibliche
Mit seiner Stille das Männliche.
In seiner Stille ist es das Niedrige.
Darum:
Wenn ein großes Land
Sich erniedrigt vor dem kleinen Lande,
gewinnt es das kleine Land.
Weil das kleine Land
Niedrig ist vor dem großen Lande,
gewinnt es das große Land.

Wahrlich:
Das eine erniedrigt sich,
um dadurch zu gewinnen.
Das andere ist niedrig,
und dadurch gewinnt es.

176 Des Himmels Weg.
Er streitet nicht
Und dennoch gut im Siegen;
Er redet nicht
Und ist dennoch gut, Antwort zu geben;
Er ruft nicht auf,
und dennoch kommt alles von selbst;
sanft ist er
und dennoch gut im Planen.

(...)

Der ganze Text in: aJ, Vol 14

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