Eine Reise zu den weiblichen und männliche Urkräften in Indien und Tibet
Von Ranva I. Görner
Indien: Ein weihrauchgeschwängerter Tempel, Blumengirlanden aus Jasmin und Rosen verströmen einen betörenden Duft, der Gesang des „OM Namah SHIVAYA“ der Gläubigen hallt von den Wänden, es ist stickig und dunkel ... ich nehme eine unheimliche und zugleich vertraute Atmosphäre in meinem Inneren wahr. Ich fühle mich an Momente im Keller des großelterlichen Hauses erinnert. Auch da war mir unheimlich zumute, und wenn ich mich darauf einließ, den Keller zu betreten, fühlte ich Geborgenheit in diesem dunklen, stillen Alleinsein.
In der Mitte brennt ein Licht. Dort befindet sich ein Altar, in dessen Mitte eine Art Steinsäule emporragt, liebevoll geschmückt mit Blüten, Farbpigmenten und Reiskörnern, bemalt mit Mantren und der Ursilbe OM. Alle Augen sind auf den Altar und das Geschehen dort gerichtet. Ich bin Zeuge einer Puja (religiöse Verehrungszeremonie) zu Ehren des Shiva Lingam (Phallus), der in Indien als Symbol für Shiva gilt, die heilige Flamme Shivas. Feierlich und ehrerbietend übergießt nun der Priester den Lingam mit Ghee (verflüssigte Butter), Sandelholzextrakt, Rosenwasser und Milch. Stille senkt sich über den Tempel. Der Lingam steht in einem Gefäß, das die Yoni (Vagina) verkörpert. Von dort fließt schließlich das Flüssigkeitsgemisch in eine Schale. Die so erhaltene Substanz gilt als rein und wird als Prasad (gesegnete Nahrung) an alle Menschen, die dem Ritual beiwohnen, verteilt. Das Ritual verkörpert die Vereinigung der Urkräfte Shiva und Shakti, aus der immer wieder Neues, Gesegnetes, entsteht.
Schon als ich zum ersten Mal in Indien war, zog mich dieses Ritual in seinen Bann. Obwohl ich in einem christlichen Umfeld groß geworden war, erlebte ich hier ein Wiedererkennen in allen Zellen. Es war nicht so sehr die hinduistische Verehrung als solche, die mich ergriff, sondern vielmehr das tiefe Einlassen meiner selbst, was ich wiederentdeckte, die Hingabe. Dieselbe Hingabe, mit der ich als Kind Jesus begegnet war. Ich fühlte mich in mich selbst eingeladen, in die innere Begegnung ohne Abstand, ohne etwas dazwischen – kein Urteil, kein Bild, keine Beziehung. Das fand ich wieder in der Unschuld und Innigkeit, mit der diese Inder Shiva in der Form des Lingam huldigten. Jede Baumwurzel, jeder Stein, jeder Berg konnte ein Shiva Lingam sein, ein Symbol für das, was unsichtbar und allgegenwärtig ist. Aus dieser Ergriffenheit erhob sich die Frage: Wer ist Shiva? Schien er doch weit mehr zu sein, als mich die zahlreichen Geschichten und magische Legenden um seine 108 Formen der Erscheinung glauben machten.
(...)
Der ganze Artikel in: aJ, Vol. 14
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Indien: Ein weihrauchgeschwängerter Tempel, Blumengirlanden aus Jasmin und Rosen verströmen einen betörenden Duft, der Gesang des „OM Namah SHIVAYA“ der Gläubigen hallt von den Wänden, es ist stickig und dunkel ... ich nehme eine unheimliche und zugleich vertraute Atmosphäre in meinem Inneren wahr. Ich fühle mich an Momente im Keller des großelterlichen Hauses erinnert. Auch da war mir unheimlich zumute, und wenn ich mich darauf einließ, den Keller zu betreten, fühlte ich Geborgenheit in diesem dunklen, stillen Alleinsein.
In der Mitte brennt ein Licht. Dort befindet sich ein Altar, in dessen Mitte eine Art Steinsäule emporragt, liebevoll geschmückt mit Blüten, Farbpigmenten und Reiskörnern, bemalt mit Mantren und der Ursilbe OM. Alle Augen sind auf den Altar und das Geschehen dort gerichtet. Ich bin Zeuge einer Puja (religiöse Verehrungszeremonie) zu Ehren des Shiva Lingam (Phallus), der in Indien als Symbol für Shiva gilt, die heilige Flamme Shivas. Feierlich und ehrerbietend übergießt nun der Priester den Lingam mit Ghee (verflüssigte Butter), Sandelholzextrakt, Rosenwasser und Milch. Stille senkt sich über den Tempel. Der Lingam steht in einem Gefäß, das die Yoni (Vagina) verkörpert. Von dort fließt schließlich das Flüssigkeitsgemisch in eine Schale. Die so erhaltene Substanz gilt als rein und wird als Prasad (gesegnete Nahrung) an alle Menschen, die dem Ritual beiwohnen, verteilt. Das Ritual verkörpert die Vereinigung der Urkräfte Shiva und Shakti, aus der immer wieder Neues, Gesegnetes, entsteht.
Schon als ich zum ersten Mal in Indien war, zog mich dieses Ritual in seinen Bann. Obwohl ich in einem christlichen Umfeld groß geworden war, erlebte ich hier ein Wiedererkennen in allen Zellen. Es war nicht so sehr die hinduistische Verehrung als solche, die mich ergriff, sondern vielmehr das tiefe Einlassen meiner selbst, was ich wiederentdeckte, die Hingabe. Dieselbe Hingabe, mit der ich als Kind Jesus begegnet war. Ich fühlte mich in mich selbst eingeladen, in die innere Begegnung ohne Abstand, ohne etwas dazwischen – kein Urteil, kein Bild, keine Beziehung. Das fand ich wieder in der Unschuld und Innigkeit, mit der diese Inder Shiva in der Form des Lingam huldigten. Jede Baumwurzel, jeder Stein, jeder Berg konnte ein Shiva Lingam sein, ein Symbol für das, was unsichtbar und allgegenwärtig ist. Aus dieser Ergriffenheit erhob sich die Frage: Wer ist Shiva? Schien er doch weit mehr zu sein, als mich die zahlreichen Geschichten und magische Legenden um seine 108 Formen der Erscheinung glauben machten.
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Der ganze Artikel in: aJ, Vol. 14
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