Zwei aus Einem, zwei in Einem
„Nicht das Sichtbare und Zeitliche allein
tut Gott durch seine Schöpfung kund,
sondern auch das Unsichtbare und Ewige.“
Hildegard von Bingen (1098-1179)
Die Energien des Männlichen und Weiblichen in den Schöpfungsmythen
Von Christian Beneker
I
Worte der Trennung
Ein Greuel war es Mose, was Männer und Tempelprostituierte des noch fremden Landes Kanaan auf den Altären der Tempel taten: Sie hatten Sex. So wie das Wasser des Himmels die Erde benetzte und fruchtbar machte, so symbolisierte das Sperma der Männer das Wasser und die Tempelprostituierte die Erde. Ein Ritual als Symbol für die Trennung und die Kraft der Vereinigung. Die Kultprostitution im Land Kanaan wiederholte den Rhythmus der Schöpfung, so wie es auch in Ägypten, Zypern, Indien oder Nubien üblich war. Aber zugleich und vor allem bezeugte sie die großen Trennungen und Paarungen, die das Spiel des Lebens in Bewegung halten, die kosmischen Energien des Männlichen und Weiblichen: in Himmel und Erde, Tag und Nacht, Land und Wasser und schließlich und vor allem: in Mann und Frau.
In lebhaften Beschreibungen berichten die Kulturen der Welt, wie ein Gott oder ein Götterpaar die Welt erschuf, und die lebenden, webenden Paarungen darin. Nut und Geb als Himmel und Erde (Ägypten), Adam und Eva, die beiden Bäume, den der Erkenntnis und den des Lebens im Garten Eden (Israel), Izanagi und Izanami als Himmel und Erde und zugleich als Prinzipien des Weiblichen und Männlichen (Japan), oder Askr und Embla, Mann und Frau, die von den Göttern aus eine Esche und einer Ulme gemacht werden (Island).
Ihr Dasein bezeugt die Trennung männlicher und weiblicher Kraft. Vor jeder dieser Ur- Verbindungen steht die Erkenntnis, daß Männliches und Weibliches getrennt sind. Wie viele Bücher sind geschrieben worden über die Vereinigung und ihre Folgen? Und wie viele über die Trennung und ihre Folgen? Die Schöpfungsmythen der Welt sind Schriften der Trennung. Und trotzdem: In allem Unterscheiden und Trennen tragen Welt und Leben das Signum der Einheit. Willigis Jäger, Benediktiner-Pater und Zen-Meister, schreibt: „Das Eine ist wie ein Fächer, der sich entfaltet. Alle Formen sind nur Facetten des Einen. Das führt zu einer kosmischen Religiosität (...). Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Er ist die Symphonie, die erklingt.“ In der Perspektive Willigis´ wird eine Art seelische Bewegung sichtbar: das Vertrauen in die Harmonie der Gegensätze. Mehr noch. Ein Sehen und Erkennen dessen, daß nichts einfach so und für sich existiert, sondern seinen Platz hat, damit die Schöpfungssymphonie erklingen kann. Vielleicht hat die Vielheit und haben die Paarungen darin ihre Schönheit – daß sie zitternd und zart harmonieren und so transparent werden können auf das Eine hin? Ich kann es mir nicht mehr vorstellen, daß eine völlige Trennung besteht. In manchen Augeblicken erlebe ich die Gnade, zugleich Geschöpf und Teil des Verstehens zu sein. Aber ich kann auch die Verzweiflung spüren, mit denen die Schöpfungsmythen berichten, unter welchen Wehen ihre Welt entstanden sei und wie sie so das eigene Elend wie die eigene Größe und Spiel und Kampf Paarungen aus Männlichem und Weiblichem erklären. Diese Geschichten sind ein Reflex auf die Teilung in mir. Folge ich den Mythen, erlebe ich die Trennung von Weiblichem und Männlichem bewußt mit und mit ihr die Gewalt, mit der ich die Trennung aufrechterhalte: Geschichten erzählen, Vorstellungen bauen, begründen, erläutern, fixieren.
Bis zur Schau der glühenden Einheit aller Dinge scheint es ein langer Weg zu sein. Für mich auch? Die Schöpfungsmythen jedenfalls haben ihn ausgeschritten.
(...)
Der ganze Artikel in: aJ, Vol 14.
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tut Gott durch seine Schöpfung kund,
sondern auch das Unsichtbare und Ewige.“
Hildegard von Bingen (1098-1179)
Die Energien des Männlichen und Weiblichen in den Schöpfungsmythen
Von Christian Beneker
I
Worte der Trennung
Ein Greuel war es Mose, was Männer und Tempelprostituierte des noch fremden Landes Kanaan auf den Altären der Tempel taten: Sie hatten Sex. So wie das Wasser des Himmels die Erde benetzte und fruchtbar machte, so symbolisierte das Sperma der Männer das Wasser und die Tempelprostituierte die Erde. Ein Ritual als Symbol für die Trennung und die Kraft der Vereinigung. Die Kultprostitution im Land Kanaan wiederholte den Rhythmus der Schöpfung, so wie es auch in Ägypten, Zypern, Indien oder Nubien üblich war. Aber zugleich und vor allem bezeugte sie die großen Trennungen und Paarungen, die das Spiel des Lebens in Bewegung halten, die kosmischen Energien des Männlichen und Weiblichen: in Himmel und Erde, Tag und Nacht, Land und Wasser und schließlich und vor allem: in Mann und Frau.
In lebhaften Beschreibungen berichten die Kulturen der Welt, wie ein Gott oder ein Götterpaar die Welt erschuf, und die lebenden, webenden Paarungen darin. Nut und Geb als Himmel und Erde (Ägypten), Adam und Eva, die beiden Bäume, den der Erkenntnis und den des Lebens im Garten Eden (Israel), Izanagi und Izanami als Himmel und Erde und zugleich als Prinzipien des Weiblichen und Männlichen (Japan), oder Askr und Embla, Mann und Frau, die von den Göttern aus eine Esche und einer Ulme gemacht werden (Island).
Ihr Dasein bezeugt die Trennung männlicher und weiblicher Kraft. Vor jeder dieser Ur- Verbindungen steht die Erkenntnis, daß Männliches und Weibliches getrennt sind. Wie viele Bücher sind geschrieben worden über die Vereinigung und ihre Folgen? Und wie viele über die Trennung und ihre Folgen? Die Schöpfungsmythen der Welt sind Schriften der Trennung. Und trotzdem: In allem Unterscheiden und Trennen tragen Welt und Leben das Signum der Einheit. Willigis Jäger, Benediktiner-Pater und Zen-Meister, schreibt: „Das Eine ist wie ein Fächer, der sich entfaltet. Alle Formen sind nur Facetten des Einen. Das führt zu einer kosmischen Religiosität (...). Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Er ist die Symphonie, die erklingt.“ In der Perspektive Willigis´ wird eine Art seelische Bewegung sichtbar: das Vertrauen in die Harmonie der Gegensätze. Mehr noch. Ein Sehen und Erkennen dessen, daß nichts einfach so und für sich existiert, sondern seinen Platz hat, damit die Schöpfungssymphonie erklingen kann. Vielleicht hat die Vielheit und haben die Paarungen darin ihre Schönheit – daß sie zitternd und zart harmonieren und so transparent werden können auf das Eine hin? Ich kann es mir nicht mehr vorstellen, daß eine völlige Trennung besteht. In manchen Augeblicken erlebe ich die Gnade, zugleich Geschöpf und Teil des Verstehens zu sein. Aber ich kann auch die Verzweiflung spüren, mit denen die Schöpfungsmythen berichten, unter welchen Wehen ihre Welt entstanden sei und wie sie so das eigene Elend wie die eigene Größe und Spiel und Kampf Paarungen aus Männlichem und Weiblichem erklären. Diese Geschichten sind ein Reflex auf die Teilung in mir. Folge ich den Mythen, erlebe ich die Trennung von Weiblichem und Männlichem bewußt mit und mit ihr die Gewalt, mit der ich die Trennung aufrechterhalte: Geschichten erzählen, Vorstellungen bauen, begründen, erläutern, fixieren.
Bis zur Schau der glühenden Einheit aller Dinge scheint es ein langer Weg zu sein. Für mich auch? Die Schöpfungsmythen jedenfalls haben ihn ausgeschritten.
(...)
Der ganze Artikel in: aJ, Vol 14.
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