Mystik - Spritualität der Zukunft


von Peter Lengsfeld

Wir erleben heute eine Wiederbelebung, Wiederentdeckung und Neugestaltung der Traditionen der Mystik, die bei uns am Austrocknen waren. Das gilt besonders für die christliche Mystik, die durch Impulse aus den religiösen Traditionen des Ostens – Zen, Yoga, Advaita – zur Zeit eine Renaissance erlebt.

Mystik wird heute wieder von mehr Menschen als Wesenselement von Religion und religiöser Praxis entdeckt. Ein neues Mystikverständnisses ist im Entstehen. Die Begegnung mit den im Osten gewachsenen religiösen Praktiken wie Zen und Yoga hat viel dazu beigetragen, das im Westen schlummernde Erbe der mystischen Traditionen wieder ans Licht zu bringen. Erinnert sei nur an die Namen großer
Brückenbauer wie Rudolf Otto, Wilhelm Gundert, Hugo Enomiya Lassalle, Heinrich Dumoulin, Karlfried Graf Dürckheim, Bede Griffiths, Thich Nhat Hanh, Ken Wilber und eben auch Willigis Jäger. Die wieder entdeckte Mystik ist nicht an eine
Konfession oder eine Klosterzugehörigkeit gebunden. Sie wächst an vielen Orten und strahlt aus in viele Bereiche des modernen Lebens.
Mystik ist die Spiritualität der Zukunft. Diese These – identisch mit dem Titel einer Festschrift für Willigis Jäger aus dem Jahr 2005 – soll im Folgenden begründet und entfaltet werden.

Zur Begründung sei erinnert an das letzte Kapitel eines Buches, das schon vor 20 Jahren erschienen ist, Ken Wilbers Buch „Halbzeit der Evolution“. Dort vertritt er die Auffassung, daß die Menschheit mit Erreichen des vernünftig-rationalen
Zeitalters etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hat, der in ihr dem Potential nach angelegt ist. Die zweite Hälfte ist noch vor uns. Das Eingangstor für den weiteren Weg bildet die Mystik. – Wer die bewußtseinsmäßige Weiterentwicklung der Menschheit fördern will, muß regelmäßig meditieren. Wer nicht nur die Früchte der
menschlichen Bewußtseinsentwicklung aus vergangenen Zeiten ernten und
verzehren will, muß sich einer kontemplativen Übungspraxis hingeben. Daher wird „Meditation“, so sagt er nun wörtlich, „oder eine ähnliche wirklich kontemplative
Praxis zu einem absoluten ethischen Imperativ, zu einem neuen kategorischen
Imperativ“. Das sind starke Forderungen: Ein ethischer Imperativ von absoluter
Gültigkeit! Ein neuer kategorischer Imperativ, der für alle gilt!

Für die Zukunft der Menschheit mag es viele Ideen und Programme geben, die miteinander im Wettbewerb liegen. Wer leistet das Beste? Nach Ken Wilbers
Ansicht leisten nicht die marxistischen Weltverbesserer und auch nicht die
konservativen Weltbewahrer der Menschheit den besten Dienst, sondern die
Mystiker – den besten Dienst sowohl für den Fortschritt der Menschheit als auch für den Frieden und den allgemeinen Wohlstand. Denn nur die Mystiker rücken dem Problem des menschlichen Egozentrismus, aus dem sich alles Unheil herleitet,
wirklich zuleibe. Nur in der mystischen Erfahrung werden die dualistischen
Spaltungen zwischen Subjekt und Objekt, Ich und Anderen, Tod und Leben, Angst und Gier transzendiert und nachhaltig überwunden. In der mystischen Erfahrung
bekommt das Miteinander der Menschen seine eigentliche, Frieden stiftende Basis. Echtes Mitgefühl und selbstlose Liebe haben ihren Ursprung in der mystischen
Erfahrung der Einheit alles Seienden. Der Mystiker durchschaut das von allen so hochgepäppelte Ego als illusorisch. Und er kennt den Weg, wie er und andere von dessen Vorherrschaft frei werden können. Das gilt für alle Menschen und ist nicht das Privileg nur einer Religion.

Aber auch innerhalb des christlichen Raumes wird eine ähnliche Dringlichkeit für das Wiedererstehen der Mystik empfunden. Nach einem häufig zitierten Wort Karl Rahners wird der Fromme von morgen entweder ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein. Der religiöse Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein. (...)

Der ganze Text in: aJ, Vol 13

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