Gelebte christliche Mystik



Ein Interview mit Bruder David Steindl-Rast, OSB

Am 8. Mai 2005 hielt der Benediktinermönch Bruder David Steindl-Rast einen Vortrag am Benediktushof in Holzkirchen bei Würzburg. Durch die Vermittlung von Frau Dr. Ingeborg Hesse-Nowak (s. aJ Vol. 12, S. 36-41) und unter ihrer Mitwirkung war am 9. Mai 2005 ein Gespräch mit ihm im Arbeitszimmer von Willigis Jäger möglich. Wir sind sehr dankbar dafür und geben hier wesentliche Teile davon mit großer Freude wieder.


aJ: Für viele Menschen führt der Weg zur christlichen Mystik heute über den Buddhismus, über Zen, über den Hinduismus mit seinen advaitischen Lehren oder den Sufismus, die Mystik des Islam. Warum sucht das Abendland das eigene Erbe über diesen Umweg?

Bruder David:Das Christentum hat die mystische Erfahrung sehr lange mißtrauisch betrachtet und verurteilt. Doch das hat sich geändert. Heute sitzt man in einem Bus, und wenn es lang genug dauert und es dem Nachbarn langweilig wird, dann fängt der plötzlich an, von seinen neuerlichsten mystischen Erlebnissen zu erzählen. Das Klima hat sich in dieser Hinsicht völlig geändert, und das scheint mir gut so. Diese Veränderung scheint sich auch in die Kirche hinein fortzusetzen. Als ich ins Kloster ging, galten mystische Erfahrungen als verdächtig. Hätte damals jemand gesagt: „Ich habe mystische Erfahrungen gemacht, und darum möchte ich jetzt Mönch werden“, – da wäre er in ein Kloster nicht aufgenommen worden.

aJ: Warum nicht? Galt Mystik als so abwegig?

Bruder David: Wir haben uns zumindest in der katholischen Kirche in Spekulationen verloren. Wir haben vergessen, daß Gott eine Erfahrung ist. Ich vergleiche gerne die Mystik mit der Dichtung – und die Theologie mit der Literaturkritik. Literaturkritik spricht zuerst über die Dichtung, aber bald spricht die Literaturkritik zur Literaturkritik, und die Literaturkritiker sprechen zueinander und interessieren sich eigentlich sehr wenig für das Gedicht. So ist es auch in der Kirche. Die Theologen sprechen mit Theologen über die Theologie. Darüber geht die Mystik selbst verloren, also das gottbeseligte Sprechen über Gott. Das sollte Theologie sein: ein Raunen über Gott in Gott. Aber das ist sie bei uns nicht. Das wirkliche Erleben wird unterdrückt. Die Theologen benehmen sich wie Literaturkritiker: „Stört uns nicht mit der Dichtung, wir haben wichtigeres zu tun!“

aJ: Könnte es sein, daß die Mystik in jedem Jahrhundert etwas unterschiedliches, aber immer zutiefst Lebendiges ist, das berührt, und darin etwas Zeitloses, das in der Zeit erscheint? So daß deshalb der Mensch, der gerade jetzt dafür offen ist, zutiefst berührt wird.

Bruder David: Ja, als wenn man sagte: Das geht mir zu Herzen, das geht zum innersten Herzen.

aJ:Dann haben die vielen Bewegungen, die aus Zen und Buddhismus und Sufismus kommen, dazu beigetragen, daß Christen sich auf ihr christliches Erbe besinnen, auf die christlichen Mystiker.

Bruder David: Ja, da hast du vollkommen recht. Wenn es innerhalb der Kirche so stünde, innerhalb des Christentums im allgemeinen so stünde, wie es stehen sollte, dann hätte man ja schon immer von den verschiedensten Traditionen lernen können: Zen-Meditation in der Kirche, oder den Drehtanz der Sufi-Derwische. Aber das Mißtrauen und die Ausgrenzung waren stärker. Nun ist tatsächlich ein Anstoß von außen gekommen, um das Mystische wieder in der Kirche zu finden. Die Erkenntnis lautet: Keine Religion ist die Alleinseligmachende, weder Christentum, noch Hinduismus oder Buddhismus. Aber sie alle führen zu dem Alleinseligmachenden hin, das tiefer liegt als alle Religionen und Traditionen.

(...)

Das ganze Interview in: aJ, Vol 13

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