ICH muss sterben, um zu leben


Über die Mystik eines konkreten Lebens

Von Alexander Poraj


In meiner frühen Kindheit hat es ein Gefühl gegeben, das mich mein Leben lang begleitet hat. Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Großmutter. Mit ihr war ich in den Karpaten, in der Nähe eines Klosters. Ich hatte den Schlüssel zur Klosterkirche. Ich spielte dort, verbrachte viel Zeit allein, Stunden, Tage, Wochen. Ich saß in der Sakristei, ich saß hinter dem Altar. Dort erlebte ich eine Stille und eine Einsamkeit, die mir eine Freude war. Ich erlebte eine leistungslose Geborgenheit, die ich im Elternhaus so nicht kennengelernt hatte. Es war eine Fülle im Ursprung. Es war ein einfaches Sein, sehr klar, selbstverständlich, ich fühlte mich zuhause – gespiegelt – ohne etwas hinzufügen oder sonst tun zu müssen. Diese Erfahrung wirkte so stark in mir, daß ich sie nie vergaß und mich später auf eine lange Suche machte, um sie wiederzufinden.

Ich wollte Mönch werden. Um meinen Ursprung zu finden, besuchte ich etliche Klöster, hatte Kontakt mit den unterschiedlichsten Orden, doch alles, was ich dort gesehen habe, war im Grunde ein Leistungs-Gebet, ein Überich-betontes spirituelles Leistungswesen. Die Religionen – und zwar alle – lehren ja, daß kein Mensch einen direkten Zugang zu Gott finden kann. Gott bleibt eine jenseitige Gegenwart, die ich anbeten kann, die mich erretten wird, wenn ich die Anweisungen und Regeln befolge, die Priesterkasten in der ganzen Welt entwickelt haben, und über deren Einhaltung sie wachen. Im Christentum ist es Jesus Christus, der stellvertretend für uns alle, als Gott-Mensch den Durchbruch zum Göttlichen vollzieht. Obwohl alle Menschen im Wesen EINS, absolut und unsterblich sind, hatte ich im Alltag zu dieser Erfahrung keinen Zugang mehr. So litt ich – wie alle – unter der festen Überzeugung, daß wir getrennt voneinander sind, und auch von Gott.

Ich studierte Theologie. In Freiburg, in der Bibliothek des Seminars griff ich aufs Geratewohl einen Band heraus, das war Meister Eckhart. Ich hatte noch nie von ihm gehört. Ich setzte mich hin und las. Da hatte ich auf einmal das Gefühl: Hier lese ich die Quintessenz meiner ganzen Suche. Hier ist jemand, der in hervorragender Weise genau das ausdrückt, der mich erinnert an das, was ich wirklich bin – an den „Seelengrund“ wie Eckhart es nennt. Endlich fand jemand eindeutige, klare Worte für das, was in mir noch ganz neblig gewesen war – daß ich im Seelengrund von Gott nicht getrennt bin. Meister Eckhart entwickelte seine Lehre aus der unmittelbaren Erfahrung des EINEN und korrigierte so die gängigen Gotteskonzepte – auch meines. Sicher spricht er gleichzeitig in den klassischen katholischen Begriffen, er spricht von Dreifaltigkeit, dem Vater, dem Sohn, dem Heiligen Geist. Seine Christlichkeit ist heute jedoch nicht mehr jedermanns Sprache. Und wenn jemand aufgrund seiner Erfahrungen ein problematisches Verhältnis zum christlichen Glauben hat, dann wird jeder christliche Mystiker für ihn problematisch sein. Dann könnte die Lehrrede eines Zen-Meisters ihn mehr ansprechen, weil sie, alleine der Wortwahl wegen, frei von assoziativ besetzten abendländisch-christlichen Traditionsbegriffen ist. Doch mir war diese Sprache und Begrifflichkeit geläufig, und so war die Begegnung mit Meister Eckhart eine große Gnade für mich.

Man kann sich intellektuell üben und vorbereiten und ich halte viel davon. An der Universität lehrte Eckhart den „intellectus“ und führte ihn bis an seine Grenze. In seinen Predigten jedoch, die an in Klöstern Übende gerichtet worden waren, drückt seine Sprache ein mystisches Über-Wissen aus, es ist nicht ein Nicht-Wissen. Die Klarheit seiner Sprache fordert hier die „vernünftekeit“ heraus – und erschöpft sie. Eckhart überschreitet den Intellekt. Die klassische scholastische Interpretation reicht nicht zu ihm hin. Konzept-Theologie genügt nicht. Eckhart führt die Menschen an eine Grenze. Er geht bis an den Punkt, wo man nicht mehr weiterdenken kann ... dann kommt der Moment, wo man springen muß. Und entweder man springt, oder man springt nicht.

(...)

Der ganze Artikel in: aJ, Vol 13

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