Das Leben ist jenseits von Gut und Böse


Interview mit Steven Harrison

Steven Harrison: ein moderner Mystiker. Aber wehe, man würde ihm das unterstellen. Er selber würde nie von sich behaupten, daß er ein Mystiker ist. Und auch das Adjektiv „modern" würde er wohl weit von sich weisen. Für mich ist er ein spiritueller Lehrer. Er selber jedoch räumt in Gesprächen beständig mit allen Konzepten über Spiritualität auf und die Rolle des spirituellen Lehrers nimmt er für sich nicht in Anspruch. Auf die Frage „Braucht ein Suchender einen Lehrer?" wird die Antwort fast sicher „Nein" lauten – man braucht keinen Lehrer, keinen äußeren, keinen inneren, überhaupt keine Art von Lehrer. Einen Lehrer zu haben bedeutet, die eigene Autorität nach außen abzugeben und damit eine Welt der Trennung und der Illusion zu erschaffen.
Steven Harrison ist ein Mensch, der Suchenden alle ihre Konzepte über den spirituellen Weg wegnimmt, alle Ideen über die Liebe, die Suche, über Gott und die Welt. Wenn man die Gelegenheit hat, mit ihm zu sprechen, dann wird man früher oder später die totale Des-Illusionierung erleben. Alle Konzepte, insbesondere die spirituellen, die ich mir in mühsamer Kleinarbeit angeeignet habe, zerplatzen. Das Erstaunlichste dabei ist, daß dies zwar ein Akt der Zerstörung ist, es sich jedoch nie destruktiv anfühlt – im Gegenteil. Der Raum weitet sich. Ich erkenne, daß meine Konzepte mir zwar Sicherheit gegeben haben, mir jedoch gleichzeitig eine enorme Last auf die Schultern gelegt haben. Unter allen Konzepten finde die Idee von Richtig und Falsch, von Gut und Böse – und meine Versuche, das Böse zu vermeiden und das Gute zu erreichen.
Steven Harrison lebt in Boulder, Colorado. Er ist Autor mehrerer sehr interessanter Bücher, die sich u.a. den Themen Beziehung, Spiritualität und Kindererziehung widmen. Er ist Begründer der „Living School", einer alternativen Schule, die die Ideen einer kindgerechten Schulform in die Praxis umsetzt.
Ich bin sehr froh, daß ich nun zum zweiten Mal die Gelegenheit hatte, Steven für das advaitaJournal zu interviewen (s. aJ Vol.8). Es ist immer wieder eine tiefe Freude für mich zu sehen, wie alle meine brillanten Ideen über das Leben ins Unbekannte hinein entschwinden …
Boris Fittkau


aJ: Das Thema dieses Interviews ist Gut und Böse. Meine erste Frage an dich ist: Bist du ein guter Mensch?

Steven Harrison: Ich habe keine Möglichkeit, das zu wissen.

aJ: Bist du ein böser Mensch?

Steven Harrison: Ich habe keine Möglichkeit, das zu wissen.

aJ: Das Thema Gut und Böse, wozu ist es gut?

Steven Harrison: Vermutlich für ziemlich lange philosophische Diskussionen (lacht). Ich weiß es nicht, wofür ist es deiner Meinung nach gut?

aJ: Die Frage nach Gut und Böse ist eine sehr alte Frage. Sie ist immer wieder gestellt worden. Die Menschen wollen wissen, was gut und was böse ist und wie man vom Bösen zum Guten kommt.

Steven Harrison: Nun, ich denke, sobald du in eine duale Welt eintrittst, dann existieren Gut und Böse und dann können wir endlose Diskussionen darüber haben. Aber zeige mir Gut und Böse in einer nicht-dualen Welt. Glaubst du, das Universum kennt Gut und Böse? Oder ist das Universum lediglich das, was es ist? Es gibt Schöpfung und es gibt Zerstörung in diesem Universum.

(...)

Das ganze Interview in: aJ, Vol 11

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