"Der Mensch kommt nicht zum Bösen, sondern das Böse kommt zu ihm"


Seit ich mich erinnern kann, empfand ich das Leben als eine mehr als weniger ständige Bedrohung. In jedem Moment könnte etwas geschehen, der Tod, das Böse, die Gewalt, das Leiden, der Schmerz. Ausgelöst durch diese Bedrohung wuchs in mir die Bemühung gegen die Schlechtigkeit diese Welt, die Ungerechtigkeit, ja gegen das Böse zu kämpfen. Im außen erschien ich immer angepaßter, aufopfernder, scheinheiliger, aber in meinem Inneren tobte die Hölle. Das Böse und die Schlechtigkeit wurden unter massivstem Druck gehalten und die Angst nahm zu jemand könnte entdecken wer ich wirklich bin, nämlich ein aus tiefster Seele schlechter Mensch. Gleichzeitig lebte diese unendliche Sehnsucht in mir, gesehen und erkannt zu sein als was ich bin. So begegnete ich Peter Cunz. Der Klang, woher seine Worte sprachen, waren Balsam für meine Seele. Zum ersten Mal fühlte ich bewußt eine Bewegung im Herzen, die außerhalb meiner gewohnten Leidensbegrenzung erschien. Die Poesie von Rumi, der Klang des Zikr (Gottesgedenken im Rahmen des Islam, ähnlich wie die Rosenkranzgebete des Christentums), berührten mich in der Tiefe und schenkten mir die Ahnung der Größe, der Ewigkeit, des Unfaßbaren.
Hierzu möchte ich ein Gedicht aus dem Mathnavi von Rumi (Übersetzung von Annemarie Schimmel) wiedergeben, das mich schon lange begleitet:

"Oh Gott!" rief einer viele Nächte lang, und süß ward ihm sein Mund von diesem Klang.
"Viel rufst du wohl", sprach Satan voller Spott. Wo bleibt die Antwort "hier bin ich“ von Gott?
Nein, keine Antwort kommt vom Thron herab! Wie lange schreist du noch "O Gott!“ Laß ab!
Als er betrübt gesenkten Hauptes schwieg, sah er im Traum, wie Chidr niederstieg und sprach:
"Warum nennst du Ihn denn nicht mehr? Was du ersehnt - bereust du es so sehr?
Er sprach: "Nie kommt die Antwort "Ich bin hier", so fürchte ich, er weist die Türe mir!
Dein Ruf "O Gott“, ist mein Ruf: Ich bin hier! Dein Schmerz und Flehn ist Botschaft doch von Mir, und all dein Streben, um Mich zu erreichen - daß Ich zu Mir dich ziehe, ist's ein Zeichen!
Dein Liebesschmerz ist Meine Huld für Dich - im Ruf "O Gott!" sind hundert "Hier bin Ich".

Lisa Trachsel. Der verzweifelte Beter. In: Dschelaluddin Rumi: Das Mathnawi – ausgewählte Geschichten. Aus dem Persischen von Annemarie Schimmel
Sphinx Verlag, Basel 1994


Interview mit Peter Cunz, Scheich des Mevlevi-Ordens

aJ: Gibt es im Sufismus eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse?

Peter Cunz: Selbstverständlich! Sufismus ist nichts anderes als vertieft gelebter Islam. Sufismus ist Religion und Philosophie in einem und als Rahmen für das Leben in dieser Welt gedacht. Der Mensch kann gar nicht anders, als ständig das für ihn Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Die Frage ist dann nur, von welcher Seite er das Betrachtete beleuchtet und beurteilt. Hier benötigt er Hilfe, wenn er sich nicht auf sein eigenes limitiertes Beurteilungsvermögen beschränken will.

aJ: Warum gibt es das Böse, den Teufel?

Peter Cunz: Weil Gott die Welt so erschaffen hat. Du kennst doch die Schöpfungsgeschichte der Bibel? Im Islam werden ähnliche Bilder verwendet und daraus Vorstellungen erschaffen. Gott erschuf die Welt, damit Er erkannt würde. Er mußte also die Erkenntnis ermöglichen, d.h. er mußte die Dualität schaffen, damit mittels einem Erkennenden und einem Erkannten die Erkenntnis entstehen konnte: Er erschuf aus sich heraus zwei Gegenspieler, nämlich „Gott den Herrn der Welten“ (Rabb il Alamin) auf der einen Seite und Satan (auch Iblis genannt) auf der anderen.


aJ: Was ist der Teufel aus der Sicht des Sufismus?

Peter Cunz: Der Teufel und Satan ist das gleiche. So wie Gott unser Herr die Engel als Kräfte unterschiedlicher unterstützender Qualitäten hat, so hat Satan unterschiedliche Teufel, die uns verführen, die Trennung verursachen und die Ärger, Neid und Eifersucht entstehen lassen.

aJ: Ist aus der Sicht des Sufismus die menschliche Natur böse? Wie kommt der Mensch zum Bösen?

Peter Cunz: Der Mensch kommt nicht zum Bösen, sondern das Böse kommt zu ihm. Der Mensch wird nicht böse geboren. Wir kennen die Vorstellung der Erbsünde nicht.

(...)

Das ganze Interview in: aJ, Vol 10

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