"Böse sind immer die anderen"!


Kriminalpolitik unter dem Druck einer selbstgerechten Gesellschaft

Intervie mit Professor Christian Pfeiffer

Professor Dr. Christian Pfeiffer, bis Anfang 2003 Niedersachsens Justizminister und heute Direktor des kriminologischen Instituts Niedersachsen in Hannover, über den Zusammenhang von Verbrechen, Straflust und einer Rechtspolitik nach dem Prinzip des heiligen Georg. Im Oktober 2003 hielt Christian Pfeiffer in der Hannoveraner Marktkirche eine Vortrag mit dem Titel: „Das Böse und wir“. Darauf bezieht sich dieses Gespräch.


aJ: Herr Professor Pfeiffer, Sie sprechen in Ihren Überlegungen* zum Bösen von der Inflation des guten Ich – was meinen Sie damit?

Pfeiffer: Je weniger die Menschen das Böse in sich sehen wollen, um so mehr übertragen sie es auf andere, die ihnen gefährlich und böse erscheinen. Sich selbst dagegen rücken sie auf die Seite des Guten, Korrekten. Das nenne ich die Inflation des guten Ich. Böse sind immer die anderen. Wir sehen meistens nicht klar, daß wir das Böse in uns tragen und es zugleich fürchten. Darum muß unser gutes Ich das Böse umso schärfer hassen und am anderen bestrafen. Es will ja das Böse an sich selber nicht wahrhaben.

aJ:Das ist nichts Neues.

Pfeiffer: Stimmt. Aber durch die ausufernde Medien-Berichterstattung über Verbrechen, über das vermeintlich Böse, ist der Gesetzgeber gezwungen, dieser erhöhten Straflust der Bevölkerung nachzukommen. Je stärker die Inflation des guten Ich ausfällt, umso rigider muß der Gesetzgeber nachziehen. Man ist heute schneller als noch vor 20 Jahre bereit, drakonische Strafen zu verhängen. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung.

aJ:Woher rührt sie Ihrer Meinung nach?

Pfeiffer: Der Seelenhaushalt der Nationen hat sich verändert. Früher galt der Kommunismus als „das Böse“, seine Ideologie, die SS-20-Raketen und so weiter. Ab 1990, nach der Wende, ist im Seelenhaushalt der Nationen ein Vakuum entstanden. Da war nun die Kriminalität eine wunderbare Metapher. Nun wird die Bundeswehr kleiner, aber im Inneren rüsten wir auf – gegen das Verbrechen, gegen die Terrorgefahr und so weiter. Unterstützt wird das Ganze von den Medien, vor allem dem Fernsehen. Sie überbieten einander in Bildern des Grauens, um das Böse zu dämonisieren. Kriminalität ist zur wichtigen Unterhaltungsware geworden. Genau das befeuert den psychischen Mechanismus der Bevölkerung.

(...)

Das ganze Interview in: aJ, Vol 10

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