Von der Wissenschaft zu Gott


Ein Interview mit Peter Russell

Der angesehene Mathematiker, Physiker und Psychologe Peter Russell, ein ehemaliger Student von Stephen Hawking, der außer diesen Fachbereichen auch Meditation und östliche Philosophie studiert hat, hat gerade sein neuestes Buch, „Von der Wissenschaft zu Gott“* veröffentlicht. Es handelt sich um eine autobiographische Abhandlung über die Kluft zwischen Wissenschaft und Bewußtsein, und wie sie überbrückt werden kann.
Russell, der als Unternehmensberater Schulungen zur Persönlichkeitsentwicklung, zur Kreativität, zum Stress-Management und zu umweltschützenden Verhaltensweisen durchgeführt hat, hat diese Themen auch in früheren Büchern schon behandelt – The TM-Technique, The Brain Book, The Global Brain Awakens, The Creative Manager, The Conscious Revolution, und Waking Up in time. In seinem neuesten Werk erforscht er die Paradigmen und die darunter liegenden Metaparadigmen, die die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins prägen.
In diesem Interview teilt Russell eine Fülle von persönlichen Erfahrungen mit, die er bei der Erforschung des Bewußtseins durch Meditation und durch das Studium der alten Meister gesammelt hat, aber er läßt sich nicht gerne als „New Age“-Gelehrter bezeichnen. Auch weigert er sich, irgendeinem Glaubenssystem zu folgen, um das Unerklärliche zu erklären.




Russell: Ich gehöre nicht in die New-Age-Kategorie, in die die Leute mich immer und immer wieder hineinstecken. Ich glaube, es gehört zu meiner Arbeit, an nichts zu glauben. Damit meine ich, nicht in einem Glaubenssystem über die Welt steckenzubleiben. Ich glaube, es ist gefährlich zu denken, wir wüßten, worum es wirklich geht. Ich glaube, die New-Age-Bewegung besteht hauptsächlich aus Leuten, die ein festes Glaubenssystem haben, ob es sich nun um Astrologie oder Reinkarnation handelt. Das ist nicht die Wahrheit, sondern nur eine andere Art des Glaubens.
Es gibt eine wunderbare Geschichte, ich glaube, es ist eine Sufigeschichte, die davon handelt, wie Gott und der Teufel eines Tages einen Spaziergang machen. Gott bückt sich, sammelt etwas vom Boden auf und sagt: „Oh sieh mal, ein Stück Wahrheit!“
Dann geht er weiter und sagt: „Oh, hier ist noch ein Stück Wahrheit! Und noch eins.“ Immer wieder hebt er ein Stück Wahrheit auf und sagt zum Teufel: „Beunruhigt es dich nicht, daß die Wahrheit so offen herumliegt, daß sie überall ist?“
Der Teufel antwortet: „Eigentlich nicht. Wenn ich ein bißchen nachhelfe, verdrehen sie die Wahrheit schnell in einen Glauben.“
Ich meine damit, daß ich eher versuche, meine eigene Erfahrung und das, was sich wahr anfühlt, anzuschauen, als mich auf irgendein bestimmtes System einzulassen. Es ist schwierig, weil sich unter der Erfahrung immer Glaubenssätze verbergen, aber ich versuche Glaubenssätze, wenn ich welche bemerke, aufzudecken.

aJ: Sehen Sie eine Gefahr darin, wenn Menschen bestimmte Glaubensüberzeugungen haben?

Russell: Die Gefahr besteht nicht darin, daß sie Glaubensüberzeugungen haben, sondern darin, daß sie Glaubensüberzeugungen für die alleingültige Wahrheit halten. Gefährlich ist, sich für andere Sichtweisen zu verschließen und zu glauben, daß man die letztendliche Wahrheit besitzt.

aJ: Es gibt ebensoviele Sichtweisen wie es Menschen gibt.

Russell: Es gibt ebensoviele Sichtweisen wie es Menschen gibt, und ebensoviele Sichtweisen wie es Tage im Leben der Menschen gibt, weil wir alle unsere Sichtweisen auch immer wieder verändern. Was ich statt Glaubensüberzeugungen habe, sind Arbeitshypothesen – eine Arbeitshypothese darüber, wie die Dinge sind. Das hat nicht so eine feststehende Qualität.

aJ: Wie lautet Ihre augenblickliche Arbeitshypothese darüber, ob wir uns unsere physische Realität selbst erschaffen?

Russell: Ich glaube nicht, daß wir unsere physische Realität selbst erschaffen. Die physische Realität, was immer das sein mag, existiert unabhängig von unserer Beobachtung dieser physischen Realität, abgesehen von einigen subtilen Aspekten der Quantenmechanik. Aber lassen wir das beiseite. Was wir tatsächlich selbst erschaffen, ist unsere besondere Wahrnehmung dieser Realität, von der wir dann glauben, daß sie DIE Realität ist.

Wenn ich sage, wir wissen nichts über die physische Realität, so ergibt sich das aus den Lehren der Physik. Wir wissen, daß das, was wir für feste Materie halten, weitgehend leerer Raum ist. Was immer die physische Realität ist, sie ist anders als wir sie wahrnehmen. Was wir wahrnehmen, ist eine Schöpfung unseres eigenen Geistes. Und im allgemeinen sehen wir ähnliche Dinge. Unsere Gehirne sind auf ähnliche Weise verdrahtet. Aber wenn man sich in den Geist eines Delphins hineinversetzte, würde man wahrscheinlich eine ganz andere Realität erleben.

In diesem Punkt bin ich sehr genau. Wir erschaffen unsere äußere physische Realität und verwechseln sie dann mit der tatsächlichen Realität.


(...)

Das ganze Interview in: aJ, Vol. 9

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