Ich ist längst vorbei
Die Bedeutung des Gedächtnisses für das „Ich“
Von Anama Frühling
Der Mann, dessen Welt in Scherben ging
Plötzlich ist alles ganz anders. Er fühlt, daß irgendetwas Entsetzliches geschehen ist, daß die Welt nicht mehr die gleiche ist wie früher, daß er selbst ein anderer geworden ist. Was ist das nur, was ist mit ihm?1
Nach einer Kopfschußverletzung im zweiten Weltkrieg wacht der junge russische Frontsoldat Lew Sasetzkij in einen Albtraum auf. Seine Welt liegt in Scherben und sie wird sich nie wieder zu einem Ganzen zusammenfügen. Ein Splitter ist in die linke hintere Scheitelbeinregion seines Gehirns eingedrungen und hat dort das Gewebe zerstört. Obgleich seine Augen unbeschädigt sind, ist sein Gesichtsfeld eingeschränkt. Er sieht nur noch einen undeutlichen Ausschnitt der Welt links von einer Mittellinie. Gehör, Sprachvermögen, Orientierungssinn und Bewegungskoordination sind schwer gestört. Was sich für ihn am Verheerendsten auswirkt: Er hat sein Gedächtnis zu einem großen Teil verloren. Er, der Student an der technischen Hochschule war, ist nun nahezu ein Analphabet geworden und kann sich kaum verständigen. Er hat die Wörter vergessen, ihm fällt nicht mehr ein, wie man Sätze bildet, weil seine Merk- und seine abstrakte Denkfähigkeit nicht mehr funktionieren, weil er unter beständigen Kopfschmerzen leidet. Nach außen wirkt er wie ein Schwachsinniger. Aber er ist sich seines Zustandes vollkommen und mit schmerzlichster Klarheit bewußt. Sein Bewußtsein selbst scheint durch die Verletzung nicht beeinträchtigt. Doch der physische Apparat, der „Transmitter“, durch den sich das Bewußtsein äußert, durch den es in die Welt tritt, ist schwer beschädigt. In unentschlüsselbaren Bildern gefangen, ringt Sasetzkij verzweifelt darum, seine verlorenen Fähigkeiten durch zähen Lerneinsatz zurückzugewinnen. Er will wieder ein vollwertiger Mensch sein und, was ihm sehr wichtig ist, er will „seinem Land dienen“.
Als er herausfindet, daß er sich schriftlich etwas leichter ausdrücken kann, beginnt er unter ungeheuren Mühen die Erinnerungsfetzen seiner Geschichte und die durch seine Verletzung bewirkten Ausfallerscheinungen aufzuschreiben. Er hofft, den Ärzten dadurch einen Weg zu seiner Heilung oder der von anderen Hirnverletzten weisen zu können. In 25 Jahren schreibt er über 1.000 Seiten und schickt sie seinem Arzt, Alexander R. Lurija, der als Begründer der Neuropsychologie gilt und der die Geschichte Sasetzkijs bearbeitet und veröffentlicht hat.
Vielleicht hat Sasetzkij mit seiner Geschichte nicht nur seinem Land, sondern der Menschheit auf diese Weise einen größeren Dienst erwiesen, als wenn er „gesund“ und ein „normaler Mensch“ geblieben wäre – selbst wenn es ihn einen hohen Preis gekostet hat. Denn solche Berichte und die Ermittlung der Auswirkungen bestimmter Hirnverletzungen haben einen unschätzbaren Beitrag zur Erforschung des Gehirns und seiner Funktionsweisen geleistet.
(...)
Der ganze Text in: aJ, Vol 9
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