Der Gesang eines Erleuchteten


Aus der
Avadhuta Gita

"Avadhuta" ist ein Sanskritwort und heißt "frei von Anhaftung". Der Avadhuta ist jemand, der frei ist von jeder Bindung und Abneigung. Er ist der Seher der Wahrheit des Advaita und singt das Lied der Offenbarung. Dieser Gesang, dieses Lied heißt Gita (sanskrit: ein heiliger Text), der in Versform über die Zeiten hinweg überliefert wurde. Die Avadhuta Gita entstand als spirituell-philosophisches Lehrgedicht viele Jahrhunderte, möglicherweise über tausend Jahre vor Christi Geburt. In der indischen Kultur gehören Spiritualität und Philosophie untrennbar zusammen und sind keineswegs Gegensätze wie in der westlichen Kultur (s. aJ Vol.4, ‚East meets West’).
Der Wahrheitssuchende ist der Wissenwollende, im Grunde ein Wissenschaftler, ein Forscher. Der Seher ist ein Wissender und damit natürlicher Lehrer des Suchenden. Der reife Suchende wird der Gita des Avadhuta so lauschen, wie ein Verdurstender aus einer Quelle trinkt, auf die er durch Gnade stößt. So köstlich diesem das Wasser munden wird, so herrlich wird jener das Lied preisen, von dem hier ein Teil (Drittes Kapitel) wiedergegeben wird.



Die Unterweisung in der Weisheit

Der Avadhuta sagt:

1
Es macht keinen Unterschied
zwischen Laster und Tugend,
zwischen Freude und Leid.
Es ist unirdisch und unweltlich,
allgegenwärtig und allgestaltig
wie der Raum selbst.
Wie soll ich verehren,
dies Heilige Wesen?

2
Lieber Freund,
wie soll ich es verehren,
dies Heilige Wesen,
das Selbst,
das in mir selbst wohnt?
Es hat keine Farben,
und auch kein Weiß*.
Es ist voller Friede
und heilig.
Es ist Ursache und Wirkung
seiner selbst.
Es ist ohne Unterscheidung
und ohne Makel.

* In den Upanishaden wird strahlendes Weiß als Farbe der Seele angegeben, was hier zurückgewiesen wird.

(...)

Der ganze Text in: aJ, Vol. 9

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