Wahre Liebe ist Mitgefühl
Interview mit Schwester Chan Khong
Sister Chan Khong begleitet den vietnamesischen Mönch und Zen-Meister Thich Nhat Hanh seit über 30 Jahren. Ebenso wie für ihn ist auch für Sister Chan Khong die bedingungslose Liebe allen Wesen gegenüber die Triebfeder ihres Handelns - und das bereits seit ihrer frühesten Kindheit. Im Oktober letzten Jahres weihte sie zusammen mit Thich Nhat Hanh das neue Kloster "Quelle des Mitgefühls" in Berlin ein.
Doris Iding
aJ: Wie können wir wahres Mitgefühl entfalten?
Khong: Wahres Mitgefühl kann man nur entwickeln, wenn man tiefer schaut, als wir es gewöhnlich tun. Ich möchte hierzu ein Beispiel nennen: Ich habe einen 14-jährigen Jungen getroffen, der sich sehr schlecht verhalten hat. Er hat zum Beispiel andere Kinder geschlagen. Wenn du kein Mitgefühl für ihn hast, dann kannst du nicht sehen, wie es ihm wirklich geht, tief in seinem Innern, hinter seiner Fassade. Ich habe aber versucht, tiefes Mitgefühl für ihn zu empfinden und habe tiefer geschaut, was ihn bedrückt. Dann habe ihn gefragt: „Wer ist deine Mutter?“ Traurig hat er mich angeschaut und geantwortet: „Ich weiß es nicht.“ Dann fragte ich weiter: „Und wer ist dein Vater?“ Der Junge wurde noch trauriger und hat geantwortet: „Mein Vater ist Alkoholiker und schlägt mich.“ In dem Moment konnte ich das Leiden des Jungen erkennen. Aber so etwas sieht man nur, wenn man bereit ist, einen Menschen nicht mehr oberflächlich zu betrachten, sondern ihn auf einer tieferen Ebene wahrzunehmen. Dann kannst du erkennen, daß er wahrscheinlich genauso leidet wie sein Vater und sein Großvater. Und wenn du siehst, wie sehr ein anderer Mensch leidet, dann brauchst du kein Mitgefühl zu erlernen, dann hast du automatisch Mitgefühl.
Im Buddhismus und in anderen Religionen wird sehr klar gesagt, daß wir für gegenseitiges Verständnis Liebe brauchen. In dem Moment, wo wir lieben, verstehen wir auch. Und in dem Moment wo wir verstehen, lieben wir.
(...)
Das ganze Interview in: aJ, Vol. 8
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Sister Chan Khong begleitet den vietnamesischen Mönch und Zen-Meister Thich Nhat Hanh seit über 30 Jahren. Ebenso wie für ihn ist auch für Sister Chan Khong die bedingungslose Liebe allen Wesen gegenüber die Triebfeder ihres Handelns - und das bereits seit ihrer frühesten Kindheit. Im Oktober letzten Jahres weihte sie zusammen mit Thich Nhat Hanh das neue Kloster "Quelle des Mitgefühls" in Berlin ein.
Doris Iding
aJ: Wie können wir wahres Mitgefühl entfalten?
Khong: Wahres Mitgefühl kann man nur entwickeln, wenn man tiefer schaut, als wir es gewöhnlich tun. Ich möchte hierzu ein Beispiel nennen: Ich habe einen 14-jährigen Jungen getroffen, der sich sehr schlecht verhalten hat. Er hat zum Beispiel andere Kinder geschlagen. Wenn du kein Mitgefühl für ihn hast, dann kannst du nicht sehen, wie es ihm wirklich geht, tief in seinem Innern, hinter seiner Fassade. Ich habe aber versucht, tiefes Mitgefühl für ihn zu empfinden und habe tiefer geschaut, was ihn bedrückt. Dann habe ihn gefragt: „Wer ist deine Mutter?“ Traurig hat er mich angeschaut und geantwortet: „Ich weiß es nicht.“ Dann fragte ich weiter: „Und wer ist dein Vater?“ Der Junge wurde noch trauriger und hat geantwortet: „Mein Vater ist Alkoholiker und schlägt mich.“ In dem Moment konnte ich das Leiden des Jungen erkennen. Aber so etwas sieht man nur, wenn man bereit ist, einen Menschen nicht mehr oberflächlich zu betrachten, sondern ihn auf einer tieferen Ebene wahrzunehmen. Dann kannst du erkennen, daß er wahrscheinlich genauso leidet wie sein Vater und sein Großvater. Und wenn du siehst, wie sehr ein anderer Mensch leidet, dann brauchst du kein Mitgefühl zu erlernen, dann hast du automatisch Mitgefühl.
Im Buddhismus und in anderen Religionen wird sehr klar gesagt, daß wir für gegenseitiges Verständnis Liebe brauchen. In dem Moment, wo wir lieben, verstehen wir auch. Und in dem Moment wo wir verstehen, lieben wir.
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Das ganze Interview in: aJ, Vol. 8
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