Totentanz


Fragmente einer Geschichte des Todes
Optima philosophia et sapientia est meditatio mortis

Von Iris Rohmann

Der Tod und die Toten

Die Dynamik und Kraft des mittelalterlichen Menschen in Europa entspringt seiner tief empfundenen und erlebten Ambivalenz: er steht zwischen Bedrohung und der Geborgenheit im Schoße Gottes, zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, contemptus mundi* und Sinnenlust. Das Leben als nacktes Überleben ist unsicher. Seuchen und Hungersnöte, Kriege, Kälte, Unfälle fordern ihre Opfer. Von zehn Kindern überleben nur drei. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 35 Jahren. Überall blickt man den Tatsachen des Lebens und des Todes ins Auge: Sterben geschieht öffentlich, der Anblick zerfallender Leichen schockiert niemanden; ohne auszuweichen fügt man sich in den Willen Gottes und in die Vorgänge der Natur. Der Tod ist ständiger Begleiter der Lebenden, zuweilen sogar ein Freund, der gekommen ist, um die irdische Mühsal zu beenden. Man weiß es oder man ahnt es: daß man den Tod in sich hat wie die Frucht den Kern. Den hat man, und das gibt einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz (Rilke). Mittelalterliche Menschen fühlen es, wenn der Tod naht. Das Leben dieser Zeit ist in allem durchdrungen, ja völlig gesättigt von religiösen Vorstellungen. Die großen Ereignisse: Geburt, Heirat, Sterben stehen durch das Sakrament im Glanz des göttlichen Mysteriums. Sterbende Menschen machen ihren Frieden mit Gott, verabschieden sich von ihren Lieben, bitten ihre Feinde um Verzeihung - und lassen los. Sicherlich wird der Tod auch gefürchtet – für Not und Gebrechen gibt es wenig Linderung - doch das Mittelalter ist gerade aufgrund seiner starken, unleugbaren Präsenz eine sehr sinnliche Epoche: So grell und bunt war das Leben, daß es den Geruch von Blut und Rosen in einem Atemzuge vertrug (Huizinga).

Im Mittelalter mündet das Leben nicht in ein absolutes Nichts; die Seele geht hinüber in eine andere Welt. Der Tod ist Übergang, er ist Tür, die nach beiden Richtungen durchlässig ist: Die Verstorbenen bleiben Teil der Gemeinschaft der Lebenden. Sie sind nach wie vor Rechtspersonen, denn sie werden am Jüngsten Tag vor Gericht stehen; sie kommunizieren mit denen, die zurückbleiben, und diese beten für das Seelenheil ihrer Verstorbenen, oder wenden Zauber an, um Wiedergänger* von sich fernzuhalten. Der Tod ist die Schwelle, die zur ewigen Glückseligkeit in den Himmel oder zur ewigen Verdammnis in die Hölle führt. Am Tag des Gerichts werden die Seelen geprüft werden, und die Entscheidung wird fallen. Jeder Christenmensch hofft und bangt um die Errettung und die Auferstehung des Fleisches. Das vergängliche Dasein ist unwichtig, die Welt verächtlich - das wirkliche Leben ist die jenseitige Ewigkeit. Bis dahin verweilen die Toten im Purgatorium, im Zwischenreich des Fegefeuers. Sie warten. Wenn die Literatur des Mittelalters hundertfach den Satz wiederholt: Wir leben in einer alternden Welt, die rasch ihrem Ende entgegeneilt, so sprechen hier individuelle Erfahrung und kollektive Hoffnung gleichermaßen. Das Bewußtsein des Mittelalters ist Endzeitbewußtsein: Am Ende der Zeit kommt Christus. Seine Wiederkunft wird den Sinn aller Geschichte und aller Geschichten enthüllen und erfüllen. Die Toten werden auferstehen. Das Reich Gottes wird anbrechen. Bald schon.

Sie warten. Das Jahr 1.000 wird als Zeitpunkt des Jüngsten Gerichtes vorausgesagt. Zeichen erscheinen am Himmel, Hinweise auf das Weltende verdichten sich – wieder einmal. Doch das gesegnete Jahr verstreicht - und die erwartete Epiphanie des Gottessohnes bleibt aus – wieder einmal... zurück bleibt eine ratlose Gesellschaft, die sich der provisorischen Qualität ihrer weltlichen Existenz bewußt wird. Die Menschen werden unruhig; die Zeiten werden unruhig: Schon bald nach dem magischen Termin der Jahrtausendwende beginnen die beiden großen Mächte - Kaiser und Papst - einen erbitterten und blutigen Krieg um die Vorherrschaft in Europa - er wird Jahrhunderte dauern. Die glanzvolle staufische Ritterherrschaft endet 1250 mit dem Tode Kaiser Friedrichs und hinterläßt ein schmerzliches Machtvakuum und politisches Chaos. Eine junge bürgerliche Stadtkultur lehnt sich auf gegen die gottgewollte Machtordnung der Ständegesellschaft. Die Kirche ist korrupt und uneins. Sekten schießen wie Pilze aus dem Boden. 1231 wird mit der Bulle: Excommunicamus die Inquisition eingesetzt.

Während Hochmut und zügellose Habgier immer wieder als Wurzelsünden gegeißelt werden, die Seelen in der Welt verderben - entbrennt an den mittelalterlichen Universitäten ein heftiger Streit darüber, ob die von den Evangelisten und Kirchenvätern überlieferten Glaubenswahrheiten nicht neu durchdacht und interpretiert werden müßten. Im verunsicherten Kollektiv Europas erwacht ein Bedürfnis nach spiritueller Tiefe, nach Begegnung mit Gott. Still und machtvoll breitet sich seit dem 12. Jahrhundert eine religiöse Bewegung aus, die fast gleichzeitig und unabhängig voneinander in Italien, Frankreich, Belgien und Deutschland entsteht. Sie wird Armutsbewegung genannt, Franz von Assisi ist ihr berühmtester Vertreter. Die Göttlichkeit Christi tritt zurück. Seine Menschlichkeit wird entdeckt, sein Leben in Armut, seine Liebe, sein Leiden, sein Sterben. Christus wird Jesus, der Bruder, der Geliebte. Der Contemptus mundi mündet in die Imitatio christi.
Die mors mystica*
Die Mystik des 13. und 14. Jahrhunderts ist die reife Frucht des hohen Mittelalters. Sie greift Motive und Elemente der Armutsbewegung auf und radikalisiert sie. Bislang hatte das Führen eines geistlichen Lebens als Garantie auf einen Platz im Himmel gegolten; für Mechthild von Magdeburg, Hadewijch, Marguerite Porete oder Meister Eckhart genügen Weltverachtung und Askese hinter Klostermauern nicht mehr: Der Mensch soll und muß erfahren, was er wirklich ist – nicht von sich selbst, sondern von Gott. Der mystische Weg ist das Wieder-Erinnern daran – ein Weg, der nicht wirklich gelehrt, nur gelebt werden kann. Mystiker nennen sich deshalb selbst nicht lesmeister sondern lebmeister. Von der Präsenz des Göttlichen in ihrem Leben müssen sie sprechen: weil ihr Herz überfließt, oder weil Gott es ihnen aufträgt.

(...)

Der ganze Artikel in: aj, Vol. 7

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