Wenn die Sonne im Mond versinkt


Über das Mysterium des Sterbens ins Leben

Ulrike Porep im Gespräch mit Zeno Elke Spöllmink


Das Wesen, die Tiefe, die Schönheit und Herrlichkeit des Todes und des Leids zu kennen, das ist das Ende von Tod und Leid.
Krishnamurti, Über Leben und Sterben S.103


„Die Beziehung mit dem Tod muß geklärt werden. Meister haben immer wieder vom Tod vor dem Tod gesprochen, diesem vollkommen bewußten Tod, dieser Hingabe an den Tod bevor der Tod den Körper holt.
Der körperliche Tod, wenn der Tod den Körper holt, ist nicht zwangsläufig die Befreiung der Seele. Das ist nur ein Übergang in einem Ablauf, in einem scheinbaren Kontinuum von Geborenwerden und wieder Sterben, das ist nicht das Ende des Leidens und nicht das Ende des Geistes. Der einzige Ausweg aus dem Leiden ist der bewußte Tod. Und dieser bewußte Tod ist das Einswerden mit dem Tod. Daß der Tod für einen Moment und für immer nicht mehr auf Distanz gehalten wird. Keine Beziehung mehr zum Tod. Beziehung bedeutet nur: Ablehnung oder Annahme, Antipathie oder Sympathie. Es geht nicht einmal mehr um Sympathie oder Zuneigung dem Tod gegenüber, nicht einmal mehr um Einladung des Todes, denn all das ist immer noch ‚Ich und der Tod’ – was zwei bedeutet.
Aber wovon ich spreche, ist diese vollkommene Einswerdung mit dem Tod für einen Moment.„

OM C. Parkin, Darshan vom 22.2.2000

„Tod und Neugeburt„ ist das Thema eines Retreats, das OM C. Parkin im Rahmen der Inneren Arbeit (ausführlich dargestellt im advaitaJournal, Vol.5) anbietet. In der Karwoche im März 2002 trafen sich 30 Menschen zu einem solchen Retreat, um sich ihren Mißverständnissen und der daraus entstandenen Angst vor dem Tod in einem abgelegenen Seminarhaus zu stellen und 8 Tage in Selbsterforschung miteinander zu verbringen. Eine der Teilnehmerinnen ist Zeno Elke Spöllmink. Sie hatte an dieser Arbeit bereits im September 1997 teilgenommen und dabei im gleichen Seminarhaus, in dem wir uns nun wieder befanden, das Erwachen zum Selbst erfahren. Diesmal hatte sie als Assistentin von OM die Aufgabe übernommen, die Gruppe zu begleiten. Als Teilnehmerin dieses Retreats konnte ich die Gelegenheit nutzen, sie zu ihrem Erwachen und dem sich daran anschließenden Prozeß zu befragen.



aJ: Zeno, du hast damals, vor 4 ½ Jahren in einem tiefen Prozeß die Wahrheit über das, was du bist, erfahren. Bist du gestorben?

Zeno: In diesem Moment ist Sterben und Leben eins. Osho hat es mal so ausgedrückt: ‚Never born and never died’. Vor Jahren habe ich das nicht verstanden. Jetzt ist klar, daß es intellektuell letztendlich gar nicht verstanden werden kann, sondern daß man es nur in sich fühlen kann. Und das, was ich fühle, ist ein ständiger Wandlungsprozeß. Das, was alt ist, stirbt - ständig. Jeder Moment aber ist neu, absolut neu, vollkommen neu. Und somit gibt es auch keine Vorstellung darüber, was Tod bedeutet. Ich kann es nur so ausdrücken: Es ist in mir eine tiefe Stille und Präsenz, die wahrnimmt, die sieht und fühlt. Aber das hat nichts mit dem Tod zu tun, den wir Menschen fürchten.

aJ: Du meinst den körperlichen Tod?

Zeno: Ja, wenn die Hülle geht.

aJ: Was bedeutet es für dich, ‚wenn die Hülle geht’?

Zeno: In diesem Moment hat es keine Bedeutung. Ich kann nicht wissen, wie es ist, wenn die Hülle geht. Ich kann es nur in mir erfahren. Es gibt darüber keine Vorstellung, wie es sein könnte. Wenn ich in die Vorstellung gehe, wie es sein könnte, bin ich nicht in der Präsenz, wo ich weiß, wer ich bin.

aJ: Tauchen Vorstellungen in dir überhaupt noch auf?

Zeno: Sie tauchen auf, aber ich weiß, daß sie alle, wie sie auftauchen, eine vollkommene Lüge sind. Es braucht seine Zeit, bis das Altgewohnte geht, und man erkennt, daß das Altgewohnte nicht die Wahrheit ist. Das Altgewohnte ist besetzt mit Angst, mit Verzweiflung, mit Widerstand; der Eigenwille will es anders haben. Man möchte dem Tod ein Schnippchen schlagen.

aJ: Was ist passiert, daß du diesen Gewohnheiten nicht mehr folgst?

Zeno: Ich habe vor ungefähr vier Jahren das erste mal ‚Tod und Neugeburt’ mit OM genau an diesem Platz hier durchlebt. In mir war eine unsagbare Angst vor dem körperlichen Tod, vor der Auslöschung, vor der Zerstörung. Ich hatte Bilder, wie grausam der Tod ist, wie unwiderruflich und zwingend er ist. Und ich war an einen Punkt gekommen, wo ich verzweifelt, vollkommen verzweifelt war, und keinen Ausweg mehr wußte. Ich war vollkommen am Leben gescheitert, so daß es nur noch eins gab: Mich dem Lehrer anzuvertrauen, ihm wirklich für eine Weile vollkommen zu vertrauen. Ich sah keinen Ausweg mehr, ich kam einfach nicht mehr weiter. Und dann gab es in einer Phase von Akzeptanz und Vertrauen die vollkommene Bereitschaft, absolut vollkommene Bereitschaft, alles loszulassen und in dieses Vertrauen hineinzusterben, egal was geschieht. Ich war bereit, den Körper zu verlieren.

(...)

Das ganze Interview in: aJ, Vol. 7

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