Denn nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr


Die Begegnung des menschlichen Geistes mit der Vergänglichkeit

Von Corinne Frottier und Anama Frühling

Kein Tod ist herrlicher, als der ein Leben bringt,
Kein Leben edler, als das aus dem Tod entspringt.
(Angelus Silesius)


„Die Vorstellung meines eigenen Sterbens hat mich immer sehr geängstigt, besser gesagt, es versetzt mich seit meinem achten Lebensjahr in Panik. Wohlgemerkt ich meine nicht den Tod, sondern das Sterben, das wir ja leben müssen.“
„Zum Sterben selber habe ich keine besonderen oder präzisen Vorstellungen entwickelt, außer vielleicht, daß ich einfach in meinem Bett einschlafen und nicht wieder aufwachen möchte.“
„Wie ich am liebsten sterben würde, hab ich mir eigentlich noch nie überlegt. Spontan denke ich an einen Fluß. Die Vorstellung, der Fluß trägt mich davon, finde ich ein schönes Bild.“
Anläßlich eines Kunstprojektes über den Tod bittet eine bildende Künstlerin Freunde und Bekannte, ihr in einem Brief zu schildern, wie sie gerne sterben würden. Die meisten nehmen sich zum ersten Mal Zeit darüber nachzudenken, wünschen sich, es solle schnell gehen und möglichst sanft und schmerzlos sein. Kaum ein anderes Thema hat den menschlichen Geist zu allen Zeiten so beschäftigt und herausgefordert wie diese immer gegenwärtige, als existentielle Bedrohung empfundene Tatsache der eigenen Sterblichkeit, die bei aller tödlichen Sicherheit so viele beängstigende Unsicherheiten birgt. Als einziges Wesen ist sich der Mensch seiner eigenen Vergänglichkeit schmerzlich angstvoll bewußt und sucht von jeher, so der Dichter Hans Erich Nossack, „einen Standort, von dem aus er dem Tod ins Auge sehen kann.“
„Ich will nicht sterben! Niemals und unter keinen Umständen. Hol mich der Teufel! Eine Möglichkeit, daß der Tod sich lohnt: In den Armen einer langhaarigen, vollbusigen Frau. Unter diesen Umständen würde ich nicht mucken und selig dahinscheiden.“
Der Tod hat in unserer Zeit die Sexualität als größtes gesellschaftliches Tabu abgelöst. In der zeitgenössischen Vorstellung gleicht er einem schwarzen Loch im Universum, das alles in sich verschluckt bis nichts mehr übrig bleibt. Er ist nicht mehr Teil eines heiligen Sinnzusammenhanges, der die Welt als Ganzes begreift. Er führt nicht mehr in ein anderes Leben in einer jenseitigen, in Gottes Ordnung eingebetteten Welt, sondern er führt buchstäblich ins Nichts, in die vollständige Vernichtung des Daseins und wird reduziert auf das Ereignis des physischen Sterbens. Die Angst vor der endgültigen Vernichtung, die zudem noch von völliger Bedeutungslosigkeit ist, die keinen Raum läßt für irgendeine Hoffnung auf göttliche Gnade, ist unerträglich und kann nur verdrängt werden. Hinter den alten Vorstellungen von Gott, Gericht und Hölle hindurch, die zu leeren Hülsen ohne wirklichen Sinn und ohne Bedeutung geworden sind, erscheint ein grauenerregendes Nichts.

( ... )
Dein weißes, schales Angesicht, Tod, stummer Bote Gottes,
Und hinterm Angesicht des Todes das Gericht,
Und hinter dem Gericht die Lücke, gräßlicher denn alle tätige Gestalt der Hölle,
Leerheit, Abwesenheit, Geschiedensein von Gott;
Das Graun der mühelosen Fahrt ins leere Land,
Das kein Land ist, nur Leerheit, Wegsein, Lücke,
Wo der, der Mensch war, seinen Sinn nicht länger wendet,
Auf Unrast, Spiegelfechterei, Flucht in den Traum, Fehlanspruch,
Wo nichts hinfort die Seele täuscht, wo weder Bild noch Ton blieb,
Noch Farb, noch Form, die Seele zu zerstreun und zu verwirren,
Daß sie sich selbst nicht seh, schmählich für immer vereint,
Nichts mit dem Nichts.
Nicht was man Tod nennt, sondern was hinter dem Tod nicht Tod ist,
Fürchten wir, fürchten wir. Wer tritt dann für mich ein,
Wer nimmt für mich das Wort in meiner Angst?
(...) (T. S. Eliot: Mord im Dom)

Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hat sich die Medizin des Todes bemächtigt, hat ihn allmählich aus einem göttlichen Zusammenhang gerissen, der bis dahin das Leben zu bestimmen schien. Fortan wird der Tod analysiert, klassifiziert, kategorisiert, so daß sich die Menschen zunehmend der Illusion hingeben, der Tod sei ihrer Kontrolle unterworfen.

(...9

Der ganze Artikel in: aJ, Vol. 7

Artikel kommentieren

Heft kaufen