Der Erfahrung des wahren Wesens
Interview mit Francis Lucille
Francis Lucille wurde im Jahre 1944 in Frankreich geboren. Er absolvierte die École Polytechnique in Paris und machte seinen Abschluß als Mathematiker und Physiker. Seine Begegnung mit vedantischen und Zen-Schriften im Jahre 1973 diente als Auslöser für seine tiefe Selbsterforschung, die 1975 zum Abschluß kam. Er beendete seine Karriere als Wissenschaftler und Diplomat, um seine lebendige Erfahrung der nicht-dualistischen Wahrheit, durch seine stille Präsenz und mit seinen Worten zu teilen.
Francis spricht über ein einziges Thema: Das Gewahrsein, unser wahres Wesen, das Absolute. Darin besteht die uralte Lehre der Nicht-Dualität, welche dem Advaita Vedanta, dem Ch’an Buddhismus, dem Zen, dem Taoismus und dem Sufismus zugrunde liegt. Sie stellt den gemeinsamen Grund dar, der im Kern aller Lehren zu finden ist, die von den Gründern der großen Religionen hinterlassen wurden.
Auf liebevolle, offene und glückselig-friedliche Weise führt uns Francis zu einem tiefen Verständnis: Daß wir in Wirklichkeit Liebe sind - das wahre Gewahrsein hinter und zwischen allen Aktivitäten des Verstandes.
aJ: Was ist Erleuchtung?
Lucille: Erleuchtung ist die Erfahrung unseres wahren Wesens. Diese Erfahrung führt zu dem Verständnis, daß unser Bewußtsein, unser wahres Wesen nicht persönlich ist. Es befindet sich nicht in Zeit und Raum, und es ist kein Objekt. Es gehört einer anderen Dimension an. Und da es sich nicht in Zeit und Raum befindet, ist es weder Geburt noch Tod unterworfen. Wenn wir erkennen, daß unser Bewußtsein ewig ist, endet die existenzielle Angst vor dem Tod, die durch den Glauben entsteht, daß wir irgendwann begonnen haben zu existieren, und zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt wieder aus der Existenz verschwinden müßen. Wenn diese grundlegende Angst endet, verlieren auch alle möglichen anderen Ängste ihre Basis: Die Angst vor Fahrstühlen, vor Krankheit, vor dem Älterwerden und so weiter – denn sie alle beruhen auf dieser grundlegenden Existenzangst. Sie hängen dann zwar noch eine Weile herum und können aus reiner Gewohnheit immer mal wiederkommen, doch sie haben keine Macht mehr. Sie wirken nicht mehr.
Ich möchte einen Unterschied machen zwischen der Erleuchtung, die als plötzliche Einsicht oder Erfahrung oder als plötzliches Verstehen erscheint, und einem Prozeß, den man Selbstverwirklichung nennen könnte. Dieser Prozeß beginnt mit der Erleuchtung und verwurzelt uns dann in der Erfahrung, die Präsenz im Hintergrund zu sein. Wir können die Wahrheit zwar schon erlebt haben, aber solange wir unsere alten Gewohnheiten nicht völlig erkannt und entwurzelt haben, erleben wir wahrscheinlich kein vollständiges Glück. Es braucht Zeit, bis das Glück sich ganz und gar enthüllt, und bis unser Leben mit all seinen Bereichen in Einklang mit der Wahrheit kommt, die wir erfahren haben. Und das könnte man als Prozeß der Selbstverwirklichung oder als Sadhana bezeichnen.
Diese beiden Elemente werden oft verwechselt oder durcheinandergebracht. Manchmal wird mit Erleuchtung der Zustand bezeichnet, in dem man sich in der Gegenwart von Objekten fest als die Präsenz im Hintergrund erfährt. Wenn die anfängliche Angst, in diesem Hintergrund zu verschwinden, von der Süße abgelöst worden ist, die es bedeutet, mit ihm zu verschmelzen, gehen wir am Ende eines Gedankens, einer Empfindung oder einer Wahrnehmung zu ihm zurück. Doch solange unsere Begierden und Ängste noch vorhanden sind, haben deren Objekte die Macht, uns von diesem Hintergrund wegzuholen. Wir erfahren das Glück zunächst in jenen flüchtigen Augenblicken, in denen wir zum Frieden zurückkehren, und die wir erleben, wenn ein Objekt gerade in ihm verschwunden oder aus ihm aufgestiegen ist. Doch schließlich erleben wir diese Präsenz auch in Augenblicken, in denen Objekte gegenwärtig sind. Der Selbstverwirklichungsprozeß entspricht dem Übergang von der ersten Erleuchtungserfahrung zu dem Augenblick, wo wir voll und ganz in diesem Frieden verwurzelt sind.
aJ: Entspricht also das, was Sie Sadhana nennen, dem Prozeß nach der Erleuchtung?
Lucille: Ja, es gibt auch ein Sadhana vor der Erleuchtung, das einer Vorahnung des Seins entspringt. Doch nach der Erleuchtung fußt es auf einer Erfahrung, auf dem Wissen.
aJ: Wie hat Ihre Suche nach der Wahrheit und der Erleuchtung begonnen? Wie hat sie sich in Ihrem Fall gestaltet und was waren Ihre Erfahrungen?
Lucille: Das ist eine trickreiche Frage, weil ich anderen Wahrheitssuchern oder Freunden der Wahrheit mit einer Beschreibung meines spezifischen Weges nicht helfe. Ich kann sie damit sogar behindern.
(...)
Das ganze Interview in: aJ, Vol 6
Artikel kommentieren
Heft kaufen
Francis Lucille wurde im Jahre 1944 in Frankreich geboren. Er absolvierte die École Polytechnique in Paris und machte seinen Abschluß als Mathematiker und Physiker. Seine Begegnung mit vedantischen und Zen-Schriften im Jahre 1973 diente als Auslöser für seine tiefe Selbsterforschung, die 1975 zum Abschluß kam. Er beendete seine Karriere als Wissenschaftler und Diplomat, um seine lebendige Erfahrung der nicht-dualistischen Wahrheit, durch seine stille Präsenz und mit seinen Worten zu teilen.
Francis spricht über ein einziges Thema: Das Gewahrsein, unser wahres Wesen, das Absolute. Darin besteht die uralte Lehre der Nicht-Dualität, welche dem Advaita Vedanta, dem Ch’an Buddhismus, dem Zen, dem Taoismus und dem Sufismus zugrunde liegt. Sie stellt den gemeinsamen Grund dar, der im Kern aller Lehren zu finden ist, die von den Gründern der großen Religionen hinterlassen wurden.
Auf liebevolle, offene und glückselig-friedliche Weise führt uns Francis zu einem tiefen Verständnis: Daß wir in Wirklichkeit Liebe sind - das wahre Gewahrsein hinter und zwischen allen Aktivitäten des Verstandes.
aJ: Was ist Erleuchtung?
Lucille: Erleuchtung ist die Erfahrung unseres wahren Wesens. Diese Erfahrung führt zu dem Verständnis, daß unser Bewußtsein, unser wahres Wesen nicht persönlich ist. Es befindet sich nicht in Zeit und Raum, und es ist kein Objekt. Es gehört einer anderen Dimension an. Und da es sich nicht in Zeit und Raum befindet, ist es weder Geburt noch Tod unterworfen. Wenn wir erkennen, daß unser Bewußtsein ewig ist, endet die existenzielle Angst vor dem Tod, die durch den Glauben entsteht, daß wir irgendwann begonnen haben zu existieren, und zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt wieder aus der Existenz verschwinden müßen. Wenn diese grundlegende Angst endet, verlieren auch alle möglichen anderen Ängste ihre Basis: Die Angst vor Fahrstühlen, vor Krankheit, vor dem Älterwerden und so weiter – denn sie alle beruhen auf dieser grundlegenden Existenzangst. Sie hängen dann zwar noch eine Weile herum und können aus reiner Gewohnheit immer mal wiederkommen, doch sie haben keine Macht mehr. Sie wirken nicht mehr.
Ich möchte einen Unterschied machen zwischen der Erleuchtung, die als plötzliche Einsicht oder Erfahrung oder als plötzliches Verstehen erscheint, und einem Prozeß, den man Selbstverwirklichung nennen könnte. Dieser Prozeß beginnt mit der Erleuchtung und verwurzelt uns dann in der Erfahrung, die Präsenz im Hintergrund zu sein. Wir können die Wahrheit zwar schon erlebt haben, aber solange wir unsere alten Gewohnheiten nicht völlig erkannt und entwurzelt haben, erleben wir wahrscheinlich kein vollständiges Glück. Es braucht Zeit, bis das Glück sich ganz und gar enthüllt, und bis unser Leben mit all seinen Bereichen in Einklang mit der Wahrheit kommt, die wir erfahren haben. Und das könnte man als Prozeß der Selbstverwirklichung oder als Sadhana bezeichnen.
Diese beiden Elemente werden oft verwechselt oder durcheinandergebracht. Manchmal wird mit Erleuchtung der Zustand bezeichnet, in dem man sich in der Gegenwart von Objekten fest als die Präsenz im Hintergrund erfährt. Wenn die anfängliche Angst, in diesem Hintergrund zu verschwinden, von der Süße abgelöst worden ist, die es bedeutet, mit ihm zu verschmelzen, gehen wir am Ende eines Gedankens, einer Empfindung oder einer Wahrnehmung zu ihm zurück. Doch solange unsere Begierden und Ängste noch vorhanden sind, haben deren Objekte die Macht, uns von diesem Hintergrund wegzuholen. Wir erfahren das Glück zunächst in jenen flüchtigen Augenblicken, in denen wir zum Frieden zurückkehren, und die wir erleben, wenn ein Objekt gerade in ihm verschwunden oder aus ihm aufgestiegen ist. Doch schließlich erleben wir diese Präsenz auch in Augenblicken, in denen Objekte gegenwärtig sind. Der Selbstverwirklichungsprozeß entspricht dem Übergang von der ersten Erleuchtungserfahrung zu dem Augenblick, wo wir voll und ganz in diesem Frieden verwurzelt sind.
aJ: Entspricht also das, was Sie Sadhana nennen, dem Prozeß nach der Erleuchtung?
Lucille: Ja, es gibt auch ein Sadhana vor der Erleuchtung, das einer Vorahnung des Seins entspringt. Doch nach der Erleuchtung fußt es auf einer Erfahrung, auf dem Wissen.
aJ: Wie hat Ihre Suche nach der Wahrheit und der Erleuchtung begonnen? Wie hat sie sich in Ihrem Fall gestaltet und was waren Ihre Erfahrungen?
Lucille: Das ist eine trickreiche Frage, weil ich anderen Wahrheitssuchern oder Freunden der Wahrheit mit einer Beschreibung meines spezifischen Weges nicht helfe. Ich kann sie damit sogar behindern.
(...)
Das ganze Interview in: aJ, Vol 6
Artikel kommentieren
Heft kaufen