Crazy Wisdom
Interview mit Pyar Troll
Seit ihrer Jugend erfuhr Pyar wiederkehrend Leere und Ich-losigkeit, aber Schrecken, Nicht-Erkennen und Ablehnung blieben. 1989 wurde sie Schülerin von Osho, 1998 in Satsang mit Samarpan geschah ihr die Realisation der Wahrheit. Ablehnen, Nicht-Verstehen, Illusion und Ich verschwanden – Stille, Friede, Liebe blieb. Später forderte Samarpan sie auf, das Unausprechliche sich in einem Buch ausdrücken zu lassen (Reise ins Nichts, Kamphausen-Verlag 2000). Neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Ärztin folgt Pyar seither Einladungen Satsangs zu geben und hält Retreats.
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aJ: Bis vor etwa zehn Jahren war es für westliche Menschen äußerst schwierig, sich von den Anhaftungen an Körper, Geist und Seele zu befreien. Es gab kaum westliche Meister. Zu allen Zeiten hat es spirituelle Meister gegeben, die durch ihr exzentrisches Verhalten ihre Schüle aus ein harte Probe stellten. Einer der bedeutendsten Lehrer des zwanzigsten Jahrhundert war wohl Gurdjieff, und er war nicht zimperlich in seinen Methoden, Schüler über ihre Grenzen hinauszuführen. Sie mußten anstrengende Übungen machen, schwerste, scheinbar sinnlose körperliche Arbeiten ausführen, er konfrontierte sie hart, demütigte und beleidigte sie, hielt sie an, Unmengen Alkohol mit ihm zu trinken und prüfte dann, wie klar sie noch waren, usw. Auch von östlichen Meistern, z.B. Zen-Meistern wird berichtet, daß sie bewußt schockierende Mittel anwenden, um den Schüler in andere Bewußtseinsdimensionen zu führen. Ist es der Erleuchtung wirklich egal, wie man sie erlangt, und ist jedes Mittel recht, um jemanden aufzuwecken?
Pyar: Meister aller Art haben unterschiedlichste, aus dem spontanen Ausdruck ihrer Buddha-Natur entstehende Mittel verwandt, mal schockierend, mal sanft, durch die ein Anhalten des Geistes ihrer Schüler geschehen konnte. Sei es die „Stop-Übung“ von Gurdjieff, die auch Osho verwandte, seien es Koans der Zenmeiser, sei es der Zen-Stock, sei es das einfach Da-Sein, Still-Sein anderer Zen-Meister und Ramanas, sei es das Beispiel des gelebten Lebens Jesus, sei es die gelebte Unbändigkeit und Bedingungslosigkeit der Gottesliebe des Franziskus - auch ein Narr Gottes, wie er sich selber nannte - sei es die dem Verstand verrückt erscheinende Entrücktheit und Verzückung christlicher und Sufi-Mystiker – allesamt im Ausdruck ihrer Buddhanatur Crazy-Wisdom-Meister. Aber das Anhalten des Geistes des Schülers muß und kann nicht zwangsläufig geschehen, denn es ist keine Methode. Die Methode aller Buddhas ist eine Nicht-Methode. Auch in dem Sinn, daß all dies als völlig spontane nicht-handelnde, wunschlose Aktion geschieht. Ja, der Weg aller Buddhas ist ein Nicht-Weg. Deshalb erscheint die wahre Weisheit aller Buddhas dem Intellekt auch als verrückt. Sei der Ausdruck des Meisters nun sanft oder heftig. Es geht nicht nur um die Mittel, aber auch diese müssen adäquat sein – im Buddhismus spricht man von geschickten Mitteln, das finde ich sehr schön ausgedrückt. Aber noch mehr geht es um den Raum, aus dem diese Mittel kommen, und um den Boden, in den sie wie ein Samenkorn fallen. Dieses Bild des Samenkorns hinkt wie jedes Bild der Wahrheit hinterher, und dennoch möchte ich es hier verwenden. Das geschickte Mittel ist wie der Same. Der Raum der Liebe und des Respekts vor jedem Wesen, der Raum des Friedens, der Stille, der Unendlichkeit, der Meditation, der Raum des Nichts-Wollens, der Raum des Seins, JETZT, in bedingungsloser furchtloser Offenheit, das ist die Blume, von der der Same kommt. Wenn der Same von dieser Blume kommt, wenn er aus der spontanen, nicht-wollenden, nicht-handelnden Aktion, aus der unverschleierten Buddha-Natur eines wahren Meisters kommt, dann ist er echt und keimfähig, dann trägt er den Duft der Meditation, der Liebe, des Raumes, den Duft der Blume an sich, egal wie er aussieht. Nur dann ist er echt. Sonst ist er Plastik, in wieviele spirituelle Worte er auch verpackt sein mag. Er mag aussehen wie ein Same, riechen wie ein Same, aber er wird nicht aufgehen. Dann ist es kein geschicktes Mittel, sondern spiritueller Mißbrauch, Machtmißbrauch eines spirituellen Ego. Chögyam Trungpa, auch ein zeitgenössischer Crazy-Wisdom-Meister tibetischer Tradition, verwandte in diesem Kontext den Begriff des „spirituellen Materialismus“. Die Gefahr des Mißbrauchs liegt bei diesem Thema, insbesondere auch wenn es um die von dir angesprochenen drastischen Mittel geht, sehr nahe. Der Boden ist die Bereitschaft des Schülers. Blume – Same – Boden – Blume. Ein Zen-Meister schnitt einmal einem seiner jungen Schüler einen Finger ab - Der Schüler erfuhr augenblicklich Erleuchtung. Das Mittel des Finger-Abschneidens kam von eben jener Blume, kam direkt aus der unverstellten, unverschleierten Buddha-Natur des Meisters, und fiel auf den fruchtbaren Boden der Offenheit und Bereitschaft des Schülers. In Afghanistan wurden Menschen Finger abgeschnitten, weil sie angeblich ein islamisches Gebot übertreten haben. Sie erfuhren dabei im allgemeine erleuchtung, oder?
(...)
Das ganze Interview in: aJ, Vol 6
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