Therapie und spiritueller Weg


Ein Interview mit Peter Schellenbaum

Während in Deutschland den beiden Großkirchen die Gläubigen davonlaufen, werden im westlichen Kulturkreis inzwischen über tausend Therapieformen angeboten. Die Sitzung beim Therapeuten ist zu einer Art säkularisierter Beichte geworden, die Beschreibung des "Unbewußten" in der humanistischen Psychologie klingt wie Beschreibungen des "höheren Selbst" in spirituellen Traditionen, ohne daß hier je versucht wird, das Unbewußte selbst zu transzendieren.

Iris Rohmann, Hypnose-Therapeutin und Schülerin von OM, sprach mit Dr. Peter Schellenbaum, der das katholische Priesteramt aufgab und Analytiker wurde - also beide Seiten kennt und verkörpert. Als er bei einer Operation fast starb, erlebte er nach dem Erwachen aus der Bewußtlosigkeit das "Wunder der All-Einheit."

aJ: Herr Schellenbaum, wie würden Sie Ihren inneren Lebens-Weg beschreiben? Gibt es da einen roten Faden, ein Thema?

Schellenbaum: Mein Thema ist der Weg aus vielerlei Bindungen zu einer tieferen Freiheit und Unabhängigkeit. Bindungen gaben mir zwar Sicherheit und Halt, und sie vermittelten mir vieles, aber sie neigen auch dazu, zu erstarren, sie neigen dazu, Bequemlichkeit zu fördern und dann engen sie ein. Der rote Faden meines Lebens ist in gewisser Weise, gelernt zu haben, daß das Weggehen aus Bindungen nicht Weggehen aus Verantwortung oder Beziehung bedeutet.

aJ: Die Bindung an andere und die innere Freiheit – seit wann ist das ein Thema für Sie? Und was ist der Unterschied zwischen Bindung und Beziehung?

Schellenbaum: Ich hatte eine schöne Kindheit, ein gutes Elternhaus. Trotzdem gab es schon mit sieben, acht Jahren Erlebnisse, wo ich spürte: es gibt eine Freiheit, eine All-Verbundenheit, die tiefer reicht als die Bindungen in der Familie. Es gibt ein Erlebnis, das ich deutlich erinnere: ich spiele auf der Straße. Die Straße hat eine Asphaltdecke, und durch die Hitze ist der Asphalt warm und weich. Meine nackten Füße versinken darin, im weichen Asphalt – und dann spüre ich es. Da ist die vibrierende Luft und All-Einheit. Ich war ganz tief fasziniert, ergriffen, befreit von allzuviel Bindung. Ich hätte es damals nicht so benennen können, aber ich war frei.
Es war nur konsequent, mit 15 Jahren von zuhause wegzugehen und mir eine Schule zu suchen, die mir zusagte. Meine Heimatstadt Winterthur wurde mir zu eng. Meine Eltern waren zwar erstaunt über meinen Eigenwillen, stimmten aber zu. Später, als ich Priester wurde, machte ich wieder diese Erfahrung: Ich war einerseits ganz drinnen, ganz gebunden, trotzdem war ein Teil von mir schon draußen. Später löste ich mich von meinem Priesteramt, dann von der Institution Kirche und wurde Psychotherapeut. Das war ein großer Sprung in die Freiheit. Und das Prinzip setzte sich fort: Zunächst war ich der Schule von C.G. Jung besonders verpflichtet, ging ganz darin auf. Heute gehe ich meinen eigenen Weg, der zuerst ein eigenes Prinzip darstellt, und dann erst eine eigene therapeutische Methode.

aJ: In der Therapie wird in der Regel die Methode vor irgendwelche Prinzipien gestellt. Der Therapeut soll Methoden anwenden und mit seinen Prinzipien "abstinent" sein. Wie kamen Sie vom Prinzip zur Methode?

Schellenbaum: Natürlich habe ich als Therapeut einen Satz von Techiken, Hintergrundwissen und Methoden. Aber ich habe mich zunehmend von inhaltlichen Beschränkungen gelöst. Normalerweise fragt der Therapeut: Was ist jetzt das Thema des Menschen, wo liegt das Problem und wie kann ich das bearbeiten? Mit einem solchen Ansatz muß notwendigerweise Distanz zum Klienten hergestellt werden. Ich hingegen arbeite mit der unmittelbaren Begegnung.

(...)

Das ganze Interview in: aJ, Vol. 5

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