Die Lehren des "falschen Lehrers"
Ein Interview mit Sandra Maitri
zum Enneagramm als Werkzeug in der Inneren Arbeit
Stell Dir vor, Du gehst zum Satsang, aber Du kommst nicht alleine. Nicht sichtbar. Von außen betrachtet sieht es so aus, als seist Du alleine gekommen - aber das stimmt nicht. Du hast jemanden mitgebracht. Jemanden, den Du immer mitbringst, den Du, seit Du denken kannst, überall mit hin nimmst. Er ist immer da, er hört immer mit. Ein heimlicher Gast. Ein ungebetener Gast…
Stell Dir vor, Du sitzt im Satsang und dein Äußerer Lehrer spricht zu Dir, aber Du hörst ihn nicht. Körperlich schon. Du verstehst die Worte, aber Du verstehst nicht wirklich. Dein Lehrer spricht zu Dir, er klopft an Deine Tür, aber Du kannst ihn nicht hereinlassen, denn Dein Haus ist besetzt. Es ist schon jemand da. Ein anderer Lehrer, ein ungebetener Lehrer, ein Falscher Lehrer...
(...)
Jeder Mensch hat einen Wahren Lehrer im Innen, manche nennen ihn "das Herz", manche "das Selbst", manche "die Essenz". Es gibt unzählige Worte und Formulierungen, die auf den göttlichen Kern hinweisen, der in jedem Menschen verborgen ist. Fast alle Menschen haben den Kontakt zu diesem Wahren Lehrer im Innen verloren. Der Wunsch, diesen Wahren Lehrer wiederzufinden, spiegelt sich auf der spirituellen Suche in der Begegnung mit dem Äußeren Lehrer. Im Satsang sitzt der Suchende seinem eigenen Selbst in menschlicher Form gegenüber und hat die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Diese Begegnung ist von allerhöchstem Wert, denn sie trägt die Möglichkeit in sich, ein wirkliche Erfahrung des Nicht-Getrenntseins – d.h. von "Advaita" - zu machen. Letztlich hat der Äußere Lehrer die Funktion, den Suchenden wieder in eine Begegnung mit seinem Wahren Lehrer im Innen zu führen. Doch diese Begegnung kann nur stattfinden, wenn der Suchende bereit ist, seinen Äußeren Lehrer wirklich zu hören.
(...)
Boris Fittkau
aJ: Könnten Sie bitte in kurzen Worten erklären, was das Enneagramm ist?
Sandra Maitri: Das Enneagramm ist ein neun-seitiges Diagramm, das im Westen zuerst in der Arbeit des armenischen Mystikers G.I. Gurdjieff auftaucht. Es besteht aus einem inneren Dreieck, das drei Punkte verbindet und einer äußeren Form, die die verbleibenden sechs Punkte verbindet. Das ist alles. Mehr ist das Enneagramm nicht. Für was es steht, hängt vom demjenigen ab, der es interpretiert. Gurdjieff sagt, daß das Enneagramm ein universelles Symbol ist, und daß darin alles menschliche Wissen und alle Gesetze des Universums enthalten sind. In den späten Sechzigern tauchte das Enneagramm in den Lehren des bolivianischen Mystikers Oscar Ichazo auf. Ichazo nutzte das Enneagramm als Landkarte der menschlichen Seele, sowohl in ihrem ego-verhafteten, als auch in ihrem erleuchteten Zustand – das "Enneagramm der Persönlichkeit" und die sogenannten “objektiven” Enneagramme . Einer von Ichazos ursprünglichen Schülern war Claudio Naranjo, ein chilenischer Psychiater und Pionier des "Human Potential Movement". Claudio erweiterte Ichazos Lehre durch seinen eigenen psychologischen Erkenntnisse. Und obwohl Naranjo beide Arten von Enneagrammen lehrte, war es das Enneagramm der Persönlichkeit, das in den letzten drei Jahrzehnten so populär wurde. Das Enneagramm der Persönlichkeit beschreibt neun Ego-Strukturen, die spezifische kognitive, emotionale und verhaltensmäßige Muster aufweisen. Damit wurde aus dem Enneagramm eine psychologische Typologie, die ihres spirituellen Kontextes beraubt war.
aJ: Welchen Wert hat das Enneagramm für den spirituell Suchenden? Wie kann es dem Suchenden auf seinem Weg helfen, insbesondere: kann es die Beziehung zum Äußeren und zum Inneren Lehrer unterstützen?
Sandra Maitri: Die Kenntnis des Enneagramms der Persönlichkeit kann eine Menge Selbst-Täuschungen und innere Verbote beseitigen, die uns daran hindern, den unangenehmen und dunklen Seiten unserer Ego-Struktur ins Auge zu sehen. Das im Enneagramm enthaltene Wissen durchbricht unsere Abwehrmechanismen und konfrontiert uns mit unseren grundlegenden Themen, deren Bewußtwerdung uns sonst vermutlich viele Jahre an Innerer Arbeit kosten würde. Mit anderen Worten: es spart eine Menge Zeit. Die Kenntnis des Enneagramms der Heiligen Ideen hilft uns, die fundamentale kognitive Verzerrung zu verstehen, die am Bodensatz unserer Ego-Struktur liegt, und uns gleichzeitig eine Vision von dem zu geben, wie die Welt ohne diese Verzerrung aussehen würde. Es bietet uns einen Einblick, wie die Welt ohne die Filter der Ego-Struktur aussehen würde – wie Dinge aus einer erleuchteten Perspektive heraus erscheinen – und diese Erkenntnis kann unsere inneren Schleier lüften. Aber die Erforschung und die Einblicke in das, was jenseits der Ego-Struktur liegt, muß eine lebendige Erfahrung sein und nicht einfach nur eine Sache des Verstandes. Diejenigen, die schon viel an sich gearbeitet haben, wissen, daß uns das ganze intellektuelle Verstehen wenig nützt, solange es nicht gelebtes Verstehen ist – etwas, das wir in der Tiefe unserer Seele wirklich wissen.
Zu ihrer zweiten Frage ist zu sagen, daß die Kenntnis des Ennea-Typs unseres Äußeren Lehrers uns helfen kann, seine Perspektive und Orientierung zu verstehen, genauso wie die Aspekte seiner Persönlichkeit, die noch unverarbeitet sind. Das hilft dem Suchenden ganz erheblich, gegenüber dem eigenen Lehrer objektiver zu sein. Außerdem denke ich, daß das Enneagramm dir helfen kann, weniger abwehrend zu sein, wenn der Lehrer dich mit etwas konfrontiert, was du an dir nicht magst, oder wo du die Tendenz hast, es zu leugnen. In Bezug auf den Inneren Lehrer halte ich das Enneagramm für unschätzbar wertvoll, da es aufzeigt, was wir in uns erforschen und verarbeiten müssen und welche Haltung wir in Bezug auf unseren Inneren Prozeß einnehmen müssen.
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Das ganze Interview in: aJ, Volume 5
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zum Enneagramm als Werkzeug in der Inneren Arbeit
Stell Dir vor, Du gehst zum Satsang, aber Du kommst nicht alleine. Nicht sichtbar. Von außen betrachtet sieht es so aus, als seist Du alleine gekommen - aber das stimmt nicht. Du hast jemanden mitgebracht. Jemanden, den Du immer mitbringst, den Du, seit Du denken kannst, überall mit hin nimmst. Er ist immer da, er hört immer mit. Ein heimlicher Gast. Ein ungebetener Gast…
Stell Dir vor, Du sitzt im Satsang und dein Äußerer Lehrer spricht zu Dir, aber Du hörst ihn nicht. Körperlich schon. Du verstehst die Worte, aber Du verstehst nicht wirklich. Dein Lehrer spricht zu Dir, er klopft an Deine Tür, aber Du kannst ihn nicht hereinlassen, denn Dein Haus ist besetzt. Es ist schon jemand da. Ein anderer Lehrer, ein ungebetener Lehrer, ein Falscher Lehrer...
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Jeder Mensch hat einen Wahren Lehrer im Innen, manche nennen ihn "das Herz", manche "das Selbst", manche "die Essenz". Es gibt unzählige Worte und Formulierungen, die auf den göttlichen Kern hinweisen, der in jedem Menschen verborgen ist. Fast alle Menschen haben den Kontakt zu diesem Wahren Lehrer im Innen verloren. Der Wunsch, diesen Wahren Lehrer wiederzufinden, spiegelt sich auf der spirituellen Suche in der Begegnung mit dem Äußeren Lehrer. Im Satsang sitzt der Suchende seinem eigenen Selbst in menschlicher Form gegenüber und hat die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Diese Begegnung ist von allerhöchstem Wert, denn sie trägt die Möglichkeit in sich, ein wirkliche Erfahrung des Nicht-Getrenntseins – d.h. von "Advaita" - zu machen. Letztlich hat der Äußere Lehrer die Funktion, den Suchenden wieder in eine Begegnung mit seinem Wahren Lehrer im Innen zu führen. Doch diese Begegnung kann nur stattfinden, wenn der Suchende bereit ist, seinen Äußeren Lehrer wirklich zu hören.
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Boris Fittkau
aJ: Könnten Sie bitte in kurzen Worten erklären, was das Enneagramm ist?
Sandra Maitri: Das Enneagramm ist ein neun-seitiges Diagramm, das im Westen zuerst in der Arbeit des armenischen Mystikers G.I. Gurdjieff auftaucht. Es besteht aus einem inneren Dreieck, das drei Punkte verbindet und einer äußeren Form, die die verbleibenden sechs Punkte verbindet. Das ist alles. Mehr ist das Enneagramm nicht. Für was es steht, hängt vom demjenigen ab, der es interpretiert. Gurdjieff sagt, daß das Enneagramm ein universelles Symbol ist, und daß darin alles menschliche Wissen und alle Gesetze des Universums enthalten sind. In den späten Sechzigern tauchte das Enneagramm in den Lehren des bolivianischen Mystikers Oscar Ichazo auf. Ichazo nutzte das Enneagramm als Landkarte der menschlichen Seele, sowohl in ihrem ego-verhafteten, als auch in ihrem erleuchteten Zustand – das "Enneagramm der Persönlichkeit" und die sogenannten “objektiven” Enneagramme . Einer von Ichazos ursprünglichen Schülern war Claudio Naranjo, ein chilenischer Psychiater und Pionier des "Human Potential Movement". Claudio erweiterte Ichazos Lehre durch seinen eigenen psychologischen Erkenntnisse. Und obwohl Naranjo beide Arten von Enneagrammen lehrte, war es das Enneagramm der Persönlichkeit, das in den letzten drei Jahrzehnten so populär wurde. Das Enneagramm der Persönlichkeit beschreibt neun Ego-Strukturen, die spezifische kognitive, emotionale und verhaltensmäßige Muster aufweisen. Damit wurde aus dem Enneagramm eine psychologische Typologie, die ihres spirituellen Kontextes beraubt war.
aJ: Welchen Wert hat das Enneagramm für den spirituell Suchenden? Wie kann es dem Suchenden auf seinem Weg helfen, insbesondere: kann es die Beziehung zum Äußeren und zum Inneren Lehrer unterstützen?
Sandra Maitri: Die Kenntnis des Enneagramms der Persönlichkeit kann eine Menge Selbst-Täuschungen und innere Verbote beseitigen, die uns daran hindern, den unangenehmen und dunklen Seiten unserer Ego-Struktur ins Auge zu sehen. Das im Enneagramm enthaltene Wissen durchbricht unsere Abwehrmechanismen und konfrontiert uns mit unseren grundlegenden Themen, deren Bewußtwerdung uns sonst vermutlich viele Jahre an Innerer Arbeit kosten würde. Mit anderen Worten: es spart eine Menge Zeit. Die Kenntnis des Enneagramms der Heiligen Ideen hilft uns, die fundamentale kognitive Verzerrung zu verstehen, die am Bodensatz unserer Ego-Struktur liegt, und uns gleichzeitig eine Vision von dem zu geben, wie die Welt ohne diese Verzerrung aussehen würde. Es bietet uns einen Einblick, wie die Welt ohne die Filter der Ego-Struktur aussehen würde – wie Dinge aus einer erleuchteten Perspektive heraus erscheinen – und diese Erkenntnis kann unsere inneren Schleier lüften. Aber die Erforschung und die Einblicke in das, was jenseits der Ego-Struktur liegt, muß eine lebendige Erfahrung sein und nicht einfach nur eine Sache des Verstandes. Diejenigen, die schon viel an sich gearbeitet haben, wissen, daß uns das ganze intellektuelle Verstehen wenig nützt, solange es nicht gelebtes Verstehen ist – etwas, das wir in der Tiefe unserer Seele wirklich wissen.
Zu ihrer zweiten Frage ist zu sagen, daß die Kenntnis des Ennea-Typs unseres Äußeren Lehrers uns helfen kann, seine Perspektive und Orientierung zu verstehen, genauso wie die Aspekte seiner Persönlichkeit, die noch unverarbeitet sind. Das hilft dem Suchenden ganz erheblich, gegenüber dem eigenen Lehrer objektiver zu sein. Außerdem denke ich, daß das Enneagramm dir helfen kann, weniger abwehrend zu sein, wenn der Lehrer dich mit etwas konfrontiert, was du an dir nicht magst, oder wo du die Tendenz hast, es zu leugnen. In Bezug auf den Inneren Lehrer halte ich das Enneagramm für unschätzbar wertvoll, da es aufzeigt, was wir in uns erforschen und verarbeiten müssen und welche Haltung wir in Bezug auf unseren Inneren Prozeß einnehmen müssen.
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Das ganze Interview in: aJ, Volume 5
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