Verändert das Erwachen die Persönlichkeit?





Heiner Siegelmann befragte Ramesh Balsekar und seine „erwachten“ Schüler


Hat das Erwachen eine Auswirkung auf die Psyche? Zieht das Ereignis der Erleuchtung auch eine Veränderung auf der persönlichen Ebene nach sich? Diese Fragen stellten sich Heiner Siegelmann immer wieder im persönlichen Umgang mit Ramesh S. Balsekar und seinen als erwacht geltenden Schülern.

Der indische Advaita-Meister Ramesh Balsekar war der erste und einzige Guru, den ich je aufgesucht habe. Meine Suche hatte knapp zwei Jahre vor unserer ersten Begegnung begonnen. Meine Erfahrungen mit Gurus und auch die Konzepte, die ich darüber entwickeln konnte, waren also äußerst begrenzt. Dennoch gingen meine Vorstellungen natürlich in eine ganz bestimmte Richtung, nämlich daß Erwachen eine radikale Transformation des ganzen Menschen bedeutet, die sich auch äußerlich in einem völlig anderen Verhalten zeigt. Eben so, wie es einer von Ramesh Schülern formulierte: "Ich bin viel heiliger geworden, liebevoller, mitfühlender, maßvoller, großzügiger und natürlich auch ehrlicher und enthaltsamer."
Doch das war als Witz gemeint!

I Der kann doch nicht erwacht sein!
1991 flog ich mit meiner Freundin nach Maui zu einem zehntägigen Retreat mit Ramesh. Wayne Liquorman, einer von Rameshs erwachten Schülern, organisierte das Ganze. Ich hatte ihn bereits vorher kennengelernt: Ein sehr eigenwilliger Charakter, ein wenig arrogant und unfreundlich, beinahe abweisend. Ramesh hatte ihn gebeten, uns vom Flughafen abzuholen und ihm wahrscheinlich angedeutet, daß wir gute Freunde seien. Wayne war freundlich und aufmerksam, offensichtlich bemüht, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Doch eine gewisse Schroffheit und Unfreundlichkeit waren für uns beide deutlich spürbar. Als wir nach unserer Rundfahrt schließlich im Seminarhaus ankamen, waren wir einer Meinung: "Ramesh mag mit allem recht haben, was er sagt, aber bei dem hat er sich geirrt!"

Bei den vielen Gelegenheiten, Rameshs Schüler – von denen inzwischen vier ebenfalls als spirituelle Lehrer tätig sind ‑ zu beobachten und teilweise aus nächster Nähe im täglichen Leben zu erleben, mußte ich mich immer wieder mit Dingen auseinandersetzen, die einfach nicht in mein Bild von einem Erwachten paßten. Diese sogenannten Erwachten schienen in vielerlei Hinsicht genauso "unerwacht" wie wir, wie alle anderen. Doch zweifellos mußte es einen Unterschied geben. Warum sollten wir sonst derart intensiv danach streben, spirituell zu erwachen?

So stellte ich schließlich einen Fragebogen zusammen, einen "Guru‑Survey", den ich an Ramesh in Indien, an Henry, Ben und Wayne in den USA, und an Elke, Margarete und Marc in Deutschland schickte. Alle meine Fragen bezogen sich auf den einen Aspekt: Gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Erwachen und gewissen Veränderungen auf der persönlichen Ebene? Finden überhaupt Veränderungen statt?

II Nervös bei öffentlichen Auftritten?
Ramesh Balsekar (83) beantwortet psychologische Fragen über persönliche Verhaltensmuster grundsätzlich sehr zurückhaltend. Er gibt deutlich zu verstehen, daß er an derartigen Fragen nicht interessiert, und auch nicht in Psychologie bewandert sei. Ich habe ihn in den vergangenen 15 Jahren stets als sehr umgänglichen, ausgeglichenen und mitfühlenden Menschen erlebt. Aus dem, was über sein Leben als Sportler, Bankdirektor, Ehemann und Familienvater bekannt ist, geht hervor, daß sein sanfter, bescheidener Charakter wohl genetisch bedingt ist. Von daher halten sich die Veränderungen auf der persönlichen Ebene sehr in Grenzen, sind auch kaum wahrnehmbar und für Ramesh selbst völlig unwichtig.

In seiner Antwort auf meinen Fragebogen zitiert Ramesh einen Satz von dem Zen‑Meister Shen Hui: "Zwischen dem Erwachen und der Befreiung oder Erlösung gibt es einen Unterschied. Das Erwachen geschieht augenblicklich, die Befreiung geschieht allmählich." Das Erwachen, das Erfassen des universellen Prinzips, unserer wahren Natur (aus dem Herzen heraus), geschieht ganz plötzlich; die Befreiung von persönlichen Strukturen als Ergebnis unserer Ängste, Begierden und Kindheitserfahrungen geschieht allmählich. Ramesh hatte zum Beispiel stets eine Abneigung, eine gewisse Angst, vor Publikum zu sprechen. Auf Familienfeiern in großem Rahmen oder bei Geschäftsbesprechungen eine Ansprache zu halten, war ihm ein Gräuel.

Als Ramesh 1990 in München einen öffentlichen Vortrag vor hundert Menschen halten sollte, wirkte er unruhig und irritiert. Auf meine Frage, ob er nervös sei, kam prompt die Antwort: "Ja, Nervosität ist da." Diese Nervosität war als Teil seiner Persönlichkeitsstruktur und Reaktionsmuster entstanden. Allerdings führte sie zu keiner weiterführenden Involvierung, z.B. Panik, Angst, sich zu blamieren, oder einen Gedanken wie: „Hätte ich mich doch bloß nicht darauf eingelassen!“ Die Nervosität kam hoch als eine Reaktion auf gewisse Umstände, doch damit war die Sache auch schon zu Ende.

Das ganze Gespräch in: aJ, Vol. 5

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