Jiddu Krishnamurti - der ersehnte Weltenlehrer


Jiddu Krishnamurti erscheint zunächst als Opfer des westlichen Wahns, die Erlösung müsse und könne von außen und aus Indien kommen. Ein indisches Kind wird von Westlern als Erlöser „erkannt“ und, schon das ein Widerspruch, aufgebaut, indem ihm beigebracht wird, wie er alle auf ihn gerichteten Projektionen wunschgemäß spiegeln kann. Er erkennt selbst, daß das Gesuchte, die Wahrheit und die Liebe selbst, niemals außen, weder in Indien noch in einem Erlöser gefunden werden kann. Er weist konsequenterweise die ihm zugedachte Rolle als „Weltenlehrer“ zurück und geht einen eigenen Weg. In seinen Vorträgen, Dialogen und Schriften erinnert er die Suchenden an die innere Autorität. In dieser wirklichen Autorität wird die Absurdität des Denkens offenbar und der Weg zur direkten Erkenntnis von Liebe und Wahrheit frei. So kann Krishnamurti als indo-europäischer Wegbereiter des nicht-traditionellen Advaita gesehen und gewürdigt werden.


Von Corinne Frottier

„Ihr erinnert Euch vielleicht an die Geschichte, in der der Teufel mit einem Freund spazieren geht. Sie beobachten einen Mann, der sich bückt, etwas aufhebt und es in seine Tasche steckt. Der Freund fragt den Teufel: ‚Was hat dieser Mann aufgehoben?‘ ‚Er hat ein Stück Wahrheit eingesteckt,‘ antwortet der Teufel. ‚Das ist für dich aber nicht günstig‘, erwidert sein Freund. ‚Ganz und gar nicht,“ entgegnet ihm der Teufel,‘ich werde es ihn organisieren lassen.‘“
Mit dieser Geschichte leitete Jiddu Krishnamurti am 3.August 1929 seine Rede vor 3000 Zuhörern ein, in der er ihnen die Auflösung des „Order of the Star“ ankündigte. Dieser Orden war von Annie Besant, der damaligen Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, und ihrem engsten Mitarbeiter, Charles Leadbeater, für den kommenden „Weltlehrer“, den sie in Krishnamurti gefunden zu haben glaubten, 1911 gegründet worden. Man kann sich leicht vorstellen, welchen Schock Krishnamurtis Ankündigung bei den anwesenden Zuhörern ausgelöst haben muß.
Der zunehmende Einfluß der Naturwissenschaften auf das Denken und die Erkenntnis im 19.Jahrhundert führte unweigerlich zu einer Kontroverse mit der christlichen Religion und vor allem mit ihren Kirchen. Wie war die biblische Schöpfungsgeschichte mit Darwins Evolutionstheorie in Einklang zu bringen, oder die Sündenlehre der katholischen Kirche mit den sexualpathologischen Thesen der Medizin? Es ist nicht verwunderlich, daß in dieser Situation das Bedürfnis entstand, ein neues spirituelles Konzept zu finden, welches nicht im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Forschungsergebnissen jener Zeit stand und trotzdem Antworten auf Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach einer göttlichen Schöpfungsordnung geben konnte. Die Kolonialisierung der dritten Welt, zu jener Zeit auf ihrem Höhepunkt angelangt, hatte eine Begegnung mit fremden Religionen ermöglicht, für die man sich, frustriert von der eigenen, zu interessieren begann. Es war vor allem der Buddhismus, von dem sich die spirituellen Sucher jener Zeit besonders angezogen fühlten, da sich dessen ausgeprägte Abstraktion mit dem aufklärerischen Denken jener Zeit in Einklang bringen ließ.
Zu ihnen gehörte auch Helena Petrovna Blavatsky. 1831 in Dnepropetrovsk in der Ukraine geboren, verließ sie bald nach ihrer Heirat im Jahre 1849 ihren Mann und begann zu reisen. 1866/67 bereiste sie Indien und Tibet, wo sie mit dem Hinduismus und dem tantrischen Buddhismus in Berührung kam. Dort, so berichtete sie später in ihren Schriften, begegnete sie ihren Lehrern, die sie in das okkulte tantrische Wissen einweihten. Sie bekam von ihnen den Auftrag, Colonel Henry Steele Olcott in Amerika aufzusuchen, einen bekannten Forscher auf okkultem und übersinnlichem Gebiet, und mit ihm eine „philosophisch-religiöse“ Gesellschaft ins Leben zu rufen.
1875 gründeten sie gemeinsam in New York die Theosophische Gesellschaft, deren Ziel es sein sollte, „eine universale Bruderschaft zu bilden, welche anerkennt, daß alle Menschen spirituell und physisch denselben Ursprung haben. Dazu ist es notwendig ein freies und furchtloses Erforschen aller Religionen und Philosophien zu ermöglichen.“ Mitglied konnte jeder werden, der sich offiziell mit diesem Grundsatz einverstanden erklärte. Sehr bald bildete sich jedoch innerhalb der Gesellschaft eine „Esoterische Abteilung“, deren okkulte Glaubensweisheiten die Gründer den verschiedenen östlichen Lehren, allen voran dem Hinduismus und dem tibetischen Buddhismus entnahmen. Um dieser „Großen Weißen Bruderschaft“ beitreten zu können, bedurfte es der Überprüfung des spitituell-ethischen Reifegrades eines Adepten durch ein fortgeschrittenes Mitglied der „Esoterischen Abteilung“.
Daraus ergab sich rasch eine starke Hierarchisierung innerhalb der Gesellschaft, basierend auf dem Glauben, daß Menschen durch eine Vielfalt von Reinkarnationen, gutem Karma und beharrlichem Bemühen zu immer höheren spirituellen Entwicklungsstufen gelangen konnten. Der Schluß lag nahe, daß es somit auch „vollkommene Seelen“ gab, die diese Entwicklungsstadien erfolgreich abgeschlossen hatten und, als Meister reinkarniert, die Welt erneut aufsuchten, um den weniger entwickelten Wesen den Weg aus ihrem Leiden zu weisen oder sie gar durch wundersame Heilung davon zu erlösen.
Die Theosophische Gesellschaft selbst stand, laut ihren Gründern, unter der besonderen Obhut von Meister Morya und Meister Kuthumi. Frau Blavatsky behauptete, ihnen persönlich in einem verborgenen Tal in Tibet begegnet zu sein, wo sie das gesamte okkulte Wissen, das sie in ihrem umfangreichen Werk „Die Geheimlehre“ niederschrieb, über mehrere Monate lang empfangen hatte. Hin und wieder bereisten diese Meister die Welt oder schrieben Briefe an ihre eifrige Schülerin. (Einige dieser Mitteilungen, in den sogenannten „Mahatma Briefen“ festgehalten, sind noch heute im British Museum zu besichtigen).
Es gab jedoch Wesenheiten, die noch höher standen als die Meister. Zu ihnen gehörte der „Lord Maitreya“, der, so kündete es die von Frau Blavatsky empfangene Botschaft, sich bald eines extra für ihn „präparierten“ menschlichen Körpers bedienen würde, wie ehedem Buddha oder Jesus, um sich in der Welt zu inkarnieren. Den Namen „Lord Maitreya“ hatte sie dem Buddhismus entliehen, in dem der kommende Buddha Maitreya das goldene Zeitalter der Menschheit ankündigt.
Angesichts der herrschenden Endzeitstimmung im ausgehenden 19.Jahrhundert bedeutete die Ankündigung eines kommenden Weltlehrers mit messianischer Sendung, zumindest in spirituellen Kreisen, die berechtigte Hoffnung auf eine neue Zeit, in der sich die Auserwählten ewiger Glückseligkeit (und Macht!) hingeben konnten. 1879 reisten Helena Blavatsky und Oberst Olcott gemeinsam nach Indien und beschlossen in Adyar, einem Vorort von Madras, den Hauptsitz der Gesellschaft einzurichten. Sie kauften ein Grundstück, welches direkt an der Stelle lag, an der der Adyar-Fluß in die Bucht von Bengalen mündet. Von dort aus verbreitete sich die theosophische Bewegung über die ganze Welt und übte einen nicht geringen Einfluß auf die Verbreitung buddhistischen und okkulten Gedankenguts in Europa und Amerika aus.
Kurz vor ihrem Tode im Jahre 1891 erklärte Helena Blavatsky, die wahre Aufgabe der Theosophischen Gesellschaft sei die angemessene Vorbereitung auf die Ankunft des Lord Maitreya und zwar in Form von spirituellen Übungen, esoterischer Wissensaneignung, aber vor allem auch organisatorisch. Schließlich wollte man, wenn der Messias endlich reinkarnierte, nicht in der letzten Reihe sitzen.
Nach dem Tod Colonel Olcotts im Jahre 1905 wurde die ehemalige Freidenkerin und linke Aktivistin, Annie Besant, die sich, nachdem sie mit den Schriften Helena Blavatskys in Berührung gekommen war, nun ebenso leidenschaftlich dem Okkulten und Spirituellen wie zuvor dem Materialismus und dem Atheismus zuwandte, neue Präsidentin der Gesellschaft. Sie war überzeugt von Indiens spiritueller Kraft und Bedeutung für die gesamte Menschheit: „Wenn die Religion in Indien stirbt, wird sie überall sterben. Dieses Land hat die heilige Aufgabe, die Fackel der Spiritualität inmitten der Nebel und Stürme des zunehmenden Materialismus hochzuhalten. Wenn Indien diese Fackel fallen läßt, wird ihre Flamme von den trampelnden Horden ausgetreten werden, die so gierig den weltlichen Gütern nachjagen. Ein Indien, das seiner Spiritualität beraubt ist, wird keine Zukunft haben, sondern in Dunkelheit versinken, so wie Griechenland und Rom untergingen.“
Kurz nach ihrer Ernennung zur Präsidentin der Gesellschaft begegnete Annie Besant dem damals bekannten Hellseher Charles Webster Leadbeater, einem ehemaligen Geistlichen der anglikanischen Kirche. Er war einige Jahre zuvor wegen der Beschuldigung pädophiler Beziehungen zu ihm anvertrauten Jungen aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen worden. Annie Besant, von seinen medialen Fähigkeiten tief beeindruckt, veranlaßte gegen jeden Widerstand seine Wiederaufnahme. Obwohl Leadbeater kein offizielles Amt innerhalb der Gesellschaft erhielt, sollte er in den nächsten Jahren einen bedeutenden Einfluß auf ihr Geschick haben.
Leadbeater gab an, er und Annie Besant stünden jetzt mit Helena Blavatskys Meistern Morya und Kuthumi in engem Kontakt. Diese, vom Alterungsprozeß auf wundersame Weise verschont, verließen zwar nicht mehr ihr tibetisches Tal, aber man könne sie auf nächtlichen Astralreisen aufsuchen, und von ihnen in allen, die Gesellschaft oder die persönliche spirituelle Entwicklung betreffenden Belange beraten werden. Die Meister waren nämlich bereit, von Leadbeater ausgewählte Schüler zu empfangen und über ihren spirituellen Reifegrad zu entscheiden (die Stufen auf dem Pfad waren: Probezeit, Annahme, sodann fünf Einweihungen, deren letzte bedeutete, daß man die höchste Stufe, das Nirwana, erreicht hatte). Es versteht sich von selbst, daß Leadbeater behauptete, Annie Besant und er hätten zumindest die vierte Adeptenstufe erreicht, wodurch ihm im Kreise seiner Schüler eine unangefochtene Machtposition zuteil wurde. Neben der Entscheidung, wer von seinen Jüngern würdig sei, den Meistern vorgestellt zu werden, oblag ihm auch die Aufgabe, den angekündigten Weltlehrer zu entdecken.
Schon 1907 noch vor seinem unehrenhaften Ausschluß aus der Gesellschaft war Leadbeater dem elfjährigen Hubert Weller van Hook in Chicago begegnet und war davon überzeugt, in ihm den vorausgesagten Messias gefunden zu haben. Zwei Jahre später traf sich Annie Besant mit dessen Mutter und überredete sie, mit dem Jungen nach Adyar zu übersiedeln, um ihn von Leadbeater, im Hinblick auf seine zukünftige Rolle, ausbilden zu lassen. (Man fühlt sich an dieser Stelle an den kleinen Jungen aus Philadelphia in dem Film „Little Buddha“ erinnert). Während Annie Besant sich in Amerika aufhielt, traf Leadbeater auf ihre Einladung hin in Adyar ein, drei Wochen nachdem auch der vierzehnjährigen Krishnamurti mit seiner Familie dorthin gezogen war.
Jiddu Krishnamurti, geboren am 11. Mai 1895 in Madanapalle, einem kleinen Ort zwischen Madras und Bangalore, war das achte von zehn Kindern. Seine Mutter, eine große Verehrerin Krishnas, welcher auch als achtes Kind auf die Welt kam, war fest davon überzeugt, daß ihrem Sohn ein besonderes Schicksal beschieden sein sollte. Sie starb, als Krishnamurti zehn Jahre alt war, ein harter Schicksalsschlag für die ganze Familie. Zwei Jahre später wurde sein Vater, Jiddu Naraniah, der bei der Finanzverwaltung der British Administration den Posten eines Distrikt Managers innehatte, zwangspensioniert. Obwohl er aus einer Brahmanenfamilie stammte, war Naraniah der Theosophischen Gesellschaft beigetreten, und da er jetzt nur noch die Hälfte seines ehemaligen Gehaltes bezog, bat er dort um eine Anstellung als Sekretär. Nach anfänglichen Widerständen wurde seiner Bitte stattgegeben, und er übersiedelte mit seinen Kindern nach Adyar.
Nicht lange nachdem sie in dort eingetroffen waren, begegnete Leadbeater Krishnamurti und dessen Bruder Nitya am Ufer des Adyar-Flusses, wo sie abends im Wasser zu spielen pflegten. Leadbeater war sofort von der Aura Krishnamurtis beeindruckt, die, wie er sagte, die schönste Aura sei, die er je gesehen habe, ohne die geringste Spur von Selbstsucht. Hubert Weller van Hook war augenblicklich vergessen, (worüber er sich später bitter beklagte), und schon bald äußerte Leadbeater, Krishnamurti sei das Vehikel für den angekündigten Lord Maitreya und er, Leadbeater, habe von Meister Kuthumi den Auftrag erhalten, den Jungen auf seine zukünftige Rolle als Weltlehrer vorzubereiten. Von diesem Augenblick an wurde Krishnamurti mehr oder weniger als das Eigentum der Theosophischen Gesellschaft betrachtet, ebenso sein Bruder Nitya, der bis zu seinem Tode im Jahre 1922 Krishnamurtis Weggefährte blieb.
Ein intensives spirituelles Training begann. Nachts unternahm Leadbeater mit seinem jungen Schüler Astralreisen zu den Meistern, welche ihr größtes Wohlwollen zum Ausdruck brachten und somit die Wahl Leadbeaters bestätigten. Lord Maitreya selbst, in seiner reinen energetisch-spirituellen Form, initiierte Krishnamurti während eines zweitägigen Rituals in die „Große Weiße Bruderschaft“. Man muß sich hinsichtlich dieser Initiationen doch ein wenig wundern, aus welchem Grund der reinkarnierte Weltlehrer einer Prozedur unterworfen wurde, die eigentlich für Normalsterbliche vorgesehen war. Daran schien sich aber niemand zu stoßen, am allerwenigsten Krishnamurti selbst.

(...)

Der ganze Artikel in: aJ, Vol. 4

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