Shankara und der Advaita Vedanta


von Chandravali D. Schang

Der spirituelle Lehrer (âcârya) Shankara (der 'Segenwirkende', ein Name des Gottes Shiva) gilt als bedeutendster Philosoph und als großer Heiliger Indiens. Viele Legenden sind mit seiner asketischen, jugendlichen Gestalt verknüpft, geschichtlich gesichert weiß man jedoch nur wenig über ihn.
Er wurde etwa 686 n. Chr. in einer Brahmanenfamilie in dem kleinen Dorf Kâladi im südindischen Staat Kerala geboren. Als Knabe hatte er bereits alle heiligen Schriften gelesen, kannte sie auswendig und verfasste Kommentare dazu. Er überredete seine Mutter, ein Sannyâsin ('allem Entsagender') werden zu dürfen und machte sich auf die Suche nach einem Meister. Am Narmadâfluß traf er den großen Seher Gaudapâda, den er um Initiation bat.
Gaudapâda war der erste Philosoph des Vedânta (anta = Ende/Ziel des Veda, d.h. des Wissens') in der Zeit, die auf die Upanishaden folgte. Er hatte in Badrinâth im Himâlaya Sâdhanâ (spirituelle Disziplin) geübt und es heißt, die Weisheit des Advaita Vedânta sei ihm von der Gottheit Nara-Narâyana enthüllt worden. Er lehrte den Asparsha Yoga ('den Yoga ohne Stützen') und bestritt die Wirklichkeit äußerer Objekte, da sie nur Denkprojektionen seien, doch unterschied er seine Philosophie von der Lehre des Buddha. Sein Vorhaben bestand darin, die letzte Wirklichkeit des geburtlosen, nicht-dualen Âtman aufzuzeigen, ein Konzept, das dem Buddhismus fremd war. Gaudapâda hatte den berühmten Kommentar zur Mândûkya Upanishad verfasst, beides bezeichnete Shankara später als Fundament für die Bedeutung des Vedânta. Vedânta beinhaltet in der hinduistischen Tradition den Kern der Veden (der Uroffenbarungen des Wissens, die nicht von Menschen 'erdacht' wurden) und umfaßt die drei Richtungen des Dualismus, des eigenschaftsbehafteten Nicht-Dualismus und des absoluten Nicht-Dualismus, dessen Hauptvertreter Gaudapâda und danach Shankara war. Gaudapâdas Kommentar zur Mândukya Upanishad war die erste systematische Abhandlung über den Advaita, in welcher der Nicht-Dualismus auf eine philosophische Basis gestellt wurde.
Gaudapâda sandte den jungen Shankara zu seinem bedeutendsten Schüler Govindapâda, der ihn einweihte und in Meditation und Yoga unterwies. Binnen sehr kurzer Zeit erlangte Shankara die Verwirklichung des Selbst und begann auch selbst zu lehren. Damals herrschte eine Atmosphäre spiritueller Disintegration in Indien, und es gab zahllose miteinander streitende Sekten. Diesem geistigen Chaos stellte Shankara das Wissen um die Einheit gegenüber, das Wissen um Brahman, das kein „Zweites“ neben sich hat (a-dvaita). Im Bestreben, den zu leeren Formen erstarrten Hinduismus wieder zu beleben und ihm, gegenüber dem Buddhismus, neues Gewicht zu verleihen, durchwanderte Shankara ganz Indien und überzeugte zuerst die Meister und Gelehrten und dann ihre Schüler von der Wahrheit der Nicht-Dualität.

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Der ganze Text in: aJ, Vol.1

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