"Die Frage "Wer bin ich?" muß von Herzen kommen"
Ein Gespräch mit Ramesh Balsekar
von Christian Salvesen
Ramesh S. Balsekar, geb. 1917 in Bombay im Zeichen der Fische, gilt heute als einer der bedeutendsten lebenden Lehrer nicht-dualer Erkenntnis. Sein Leben ist das eines erfolgreichen Bankiers, treuen Ehemannes und sorgenden Familienvaters: Sportler in jungen Jahren, Universitätsabschluß in London als Wirtschaftswissenschaftler, über 30 Jahre Leiter einer führenden Bank in Bombay. Obwohl ihm schon als Kind auffällt, daß die Dinge geschehen, ohne daß er als Person darauf Einfluß nehmen könnte, beginnt seine eigentliche spirituelle Suche erst mit etwa Mitte vierzig, als er Bücher von Ramana Maharshi liest und eine starke Affinität feststellt. Es sollen noch - wie ihm ein Text aus der alten (vedischen) Palmblattbibiothek voraussagt - über zwanzig Jahre vergehen, bis er seinen Guru Nisargadatta Maharaj trifft - und zwar über das Buch „I Am That“ (Ich Bin) von Maurice Frydman.
Während einem der täglichen Satsangs, die Ramesh bis zum Tod von Maharaj im Jahr 1981 regelmäßig besucht, soll er übersetzen. Dabei geschieht das Erwachen. Ramesh beschreibt es als das endgültige Verschwinden der Überzeugung (der „göttlichen Hypnose“), daß der Mensch über einen freien Willen verfüge und für irgendeine Handlung verantwortlich sei. Ramesh veröffentlicht sein erstes Buch (wobei er sich nicht als Autor versteht) „Pointers from Nisargadatta Maharaj“. Es folgt „Experience of Immortality“, Interpretation und Kommentar zu Jnaneshwars „Amritanubhava“, einem bedeutenden Text der Advaita-Tradition. Allmählich bildet sich ein Kreis von Schülern um Ramesh Balsekar. In seinem Wohnzimmer in Bombay führt er Gespräche mit Suchern aus der ganzen Welt, im südindischen Kovalam werden in den frühen 90ern Seminare organisiert. Viele der Gespräche und der intensive Briefwechsel zwischen ihm und seinen Schülern sind in mehreren deutschsprachigen Büchern dokumentiert (s. Buchhinweise).
Im Sommer 1998, ebenso 1999, kam Ramesh für zwei Wochen nach Deutschland, um zu über 500 Seminarteilnehmern aus aller Welt zu sprechen, unterstützt von vier seiner erwachten SchülerInnen. (Ich habe darüber in der Zeitschrift Connection , Ausgabe Nov./Dez.1998 berichtet.)
In diesem Artikel möchte ich - zumindest in Auszügen - ein Gespräch wiedergeben, das ich mit Ramesh Balsekar im Januar 1998 in seiner Wohnung in Bombay führte. Vergleiche ich Rameshs Antworten, die er etwa in „Erleuchtende Gespräche“ gibt, mit denen, die ich während der sieben Tage in Bombay und der Tage in Deutschland aufnahm, so stelle ich eine deutliche Reduktion auf das Wesentliche fest - genaugenommen eine Konzentration auf einen einzigen Punkt: Erwachen bedeutet das Ende der Überzeugung, ein selbständig handelndes Individuum zu sein. Vieles hat Ramesh in seinen Büchern genauer gesagt. Statt „origineller“ Erläuterungen fallen bei der Bandaufnahme eher die Pausen auf, wo der Straßenlärm Bombays wie aus einer tiefen Stille heraufzusteigen scheint. Manches gebe ich sehr verkürzt wieder - Ramesh wiederholt oft Sätze, macht sie noch eindringlicher, verwendet klare Formeln immer wieder. Gegen Ende wird der Wortwechsel genauer wiedergegeben, um die Methodik und Wachheit des Gurus nachzuzeichnen.
Erscheinung und Bewußtsein
Meine erste Frage bezieht sich auf das große Interesse an Übersinnlichem, das sich im Westen auch in den Medien bemerkbar macht. Bedeutet die allgemeine Faszination in bezug auf Nahtoderfahrungen, Kommunikation mit Verstorbenen, Kontakt mit Engeln oder Außerirdischen usw. nicht eine gewisse Erweiterung des Horizontes, über die rein materielle Ebene hinaus? Ramesh gibt lachend zu, daß er, was den Bereich des Paranormalen angeht, keine Erfahrung und auch keine Ambitionen habe. Schließlich spiele sich das alles in der sich ständig verändernden, phänomenalen Welt ab. Was bedeutet schon ein Leben nach dem Tod bzw. ohne physischen Körper, wenn es immer noch Getrenntheit und den Wechsel von Glück und Leid gibt? Auch dem im Westen neuerdings so hoch geschätzten System der sieben Chakras und den entsprechenden Energiekörpern mißt Ramesh keine Bedeutung zu. Selbst Ramana Maharshi, den viele als großen Yogi bezeichnen, der aber in Rameshs Einschätzung weit darüber steht, sah darin nur Konzepte, die sich auf die Welt der Erscheinungen beziehen.
Was indische Weisheitslehrer seit Jahrtausenden auf der Grundlage eigener Erfahrung zu vermitteln suchen, nämlich daß die Welt nicht unabhängig vom Bewußtsein existiert, sondern ein vom denkenden Geist erschaffener Traum (Maya) ist, wurde in der westlichen Philosophie erst vor etwa 200 Jahren zum Gegenstand ausgeklügelter Diskussion.
(...)
Dasganze Interview in: aJ, Vol. 1
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von Christian Salvesen
Ramesh S. Balsekar, geb. 1917 in Bombay im Zeichen der Fische, gilt heute als einer der bedeutendsten lebenden Lehrer nicht-dualer Erkenntnis. Sein Leben ist das eines erfolgreichen Bankiers, treuen Ehemannes und sorgenden Familienvaters: Sportler in jungen Jahren, Universitätsabschluß in London als Wirtschaftswissenschaftler, über 30 Jahre Leiter einer führenden Bank in Bombay. Obwohl ihm schon als Kind auffällt, daß die Dinge geschehen, ohne daß er als Person darauf Einfluß nehmen könnte, beginnt seine eigentliche spirituelle Suche erst mit etwa Mitte vierzig, als er Bücher von Ramana Maharshi liest und eine starke Affinität feststellt. Es sollen noch - wie ihm ein Text aus der alten (vedischen) Palmblattbibiothek voraussagt - über zwanzig Jahre vergehen, bis er seinen Guru Nisargadatta Maharaj trifft - und zwar über das Buch „I Am That“ (Ich Bin) von Maurice Frydman.
Während einem der täglichen Satsangs, die Ramesh bis zum Tod von Maharaj im Jahr 1981 regelmäßig besucht, soll er übersetzen. Dabei geschieht das Erwachen. Ramesh beschreibt es als das endgültige Verschwinden der Überzeugung (der „göttlichen Hypnose“), daß der Mensch über einen freien Willen verfüge und für irgendeine Handlung verantwortlich sei. Ramesh veröffentlicht sein erstes Buch (wobei er sich nicht als Autor versteht) „Pointers from Nisargadatta Maharaj“. Es folgt „Experience of Immortality“, Interpretation und Kommentar zu Jnaneshwars „Amritanubhava“, einem bedeutenden Text der Advaita-Tradition. Allmählich bildet sich ein Kreis von Schülern um Ramesh Balsekar. In seinem Wohnzimmer in Bombay führt er Gespräche mit Suchern aus der ganzen Welt, im südindischen Kovalam werden in den frühen 90ern Seminare organisiert. Viele der Gespräche und der intensive Briefwechsel zwischen ihm und seinen Schülern sind in mehreren deutschsprachigen Büchern dokumentiert (s. Buchhinweise).
Im Sommer 1998, ebenso 1999, kam Ramesh für zwei Wochen nach Deutschland, um zu über 500 Seminarteilnehmern aus aller Welt zu sprechen, unterstützt von vier seiner erwachten SchülerInnen. (Ich habe darüber in der Zeitschrift Connection , Ausgabe Nov./Dez.1998 berichtet.)
In diesem Artikel möchte ich - zumindest in Auszügen - ein Gespräch wiedergeben, das ich mit Ramesh Balsekar im Januar 1998 in seiner Wohnung in Bombay führte. Vergleiche ich Rameshs Antworten, die er etwa in „Erleuchtende Gespräche“ gibt, mit denen, die ich während der sieben Tage in Bombay und der Tage in Deutschland aufnahm, so stelle ich eine deutliche Reduktion auf das Wesentliche fest - genaugenommen eine Konzentration auf einen einzigen Punkt: Erwachen bedeutet das Ende der Überzeugung, ein selbständig handelndes Individuum zu sein. Vieles hat Ramesh in seinen Büchern genauer gesagt. Statt „origineller“ Erläuterungen fallen bei der Bandaufnahme eher die Pausen auf, wo der Straßenlärm Bombays wie aus einer tiefen Stille heraufzusteigen scheint. Manches gebe ich sehr verkürzt wieder - Ramesh wiederholt oft Sätze, macht sie noch eindringlicher, verwendet klare Formeln immer wieder. Gegen Ende wird der Wortwechsel genauer wiedergegeben, um die Methodik und Wachheit des Gurus nachzuzeichnen.
Erscheinung und Bewußtsein
Meine erste Frage bezieht sich auf das große Interesse an Übersinnlichem, das sich im Westen auch in den Medien bemerkbar macht. Bedeutet die allgemeine Faszination in bezug auf Nahtoderfahrungen, Kommunikation mit Verstorbenen, Kontakt mit Engeln oder Außerirdischen usw. nicht eine gewisse Erweiterung des Horizontes, über die rein materielle Ebene hinaus? Ramesh gibt lachend zu, daß er, was den Bereich des Paranormalen angeht, keine Erfahrung und auch keine Ambitionen habe. Schließlich spiele sich das alles in der sich ständig verändernden, phänomenalen Welt ab. Was bedeutet schon ein Leben nach dem Tod bzw. ohne physischen Körper, wenn es immer noch Getrenntheit und den Wechsel von Glück und Leid gibt? Auch dem im Westen neuerdings so hoch geschätzten System der sieben Chakras und den entsprechenden Energiekörpern mißt Ramesh keine Bedeutung zu. Selbst Ramana Maharshi, den viele als großen Yogi bezeichnen, der aber in Rameshs Einschätzung weit darüber steht, sah darin nur Konzepte, die sich auf die Welt der Erscheinungen beziehen.
Was indische Weisheitslehrer seit Jahrtausenden auf der Grundlage eigener Erfahrung zu vermitteln suchen, nämlich daß die Welt nicht unabhängig vom Bewußtsein existiert, sondern ein vom denkenden Geist erschaffener Traum (Maya) ist, wurde in der westlichen Philosophie erst vor etwa 200 Jahren zum Gegenstand ausgeklügelter Diskussion.
(...)
Dasganze Interview in: aJ, Vol. 1
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